Corona und Hundesport: Probleme und Chancen

Die Probleme, die in der Gesellschaft seit Beginn der Pandemie entstanden sind, werden täglich in den Medien diskutiert. Aber Einschränkungen, Umsatzeinbußen, Insolvenzen und Existenzängste betreffen nicht nur das wirtschaftliche Leben, sondern auch das gesellschaftliche. Zum Beispiel Vereine.

Ein Verein ist ein wichtiges Umfeld für Menschen gleicher Interessen. Er macht für jeden Einzelnen die eigene Identifizierung möglich und füllt Lücken aus, die unser soziales Umfeld ansonsten leer ließe. 

Viele Hundesportvereine werden größtenteils über das Ehrenamt finanziert. Doch das ist derzeit nur eingeschränkt möglich. Die meisten, besonders Kleinere haben deshalb mehr und mehr zu kämpfen. Im normalen Vereinsbetrieb decken Mitgliedsbeiträge allein selten die Fixkosten. Pacht, Energie- und sonstige Kosten für Wartung, Reparaturkosten oder notwendige Neuanschaffungen von Trainingsmaterial werden oft nur über zusätzliche Einnahmen aus Veranstaltungen und Kursangeboten bezahlbar. 

Haupteinnahmequelle unserer SV OG Bamenohl ist das jährlich stattfindende Agilityturnier, an dem i.d.R. jeweils 100 Starter an zwei Tagen am Start stehen. Im letzten Jahr musste dieses Turnier leider, wie so viele andere auch, abgesagt werden. Vereinsrücklagen sichern den Vereinsfortbestand für ein Jahr ab, nur wie sieht es jetzt im zweiten Jahr aus?

Hoffnungsvoll warten die Agility-Sportler darauf, endlich wieder an einem großen Turnier teilnehmen zu dürfen. Wer kann es ihnen verdenken? Etwas Normalität in der sonst unsteten Welt käme wirklich gelegen. Steigende Inzidenzwerte, Lockdown, Lockerungen, Mega-Lockdown, Impfungen, Mutation: Wir leben zwischen Angst und Hoffnung! Das Hobby, welches den Ausgleich zu diesem alltäglichen Wahnsinn schaffen könnte, liegt seit langem auf Eis. 

Seit Mitte Oktober hat auch unsere Ortsgruppe ihren Trainingsbetrieb wieder eingestellt. 

 

Fusslaufen im WaldFehlendes Kursangebot, heißt nicht nur fehlende Einnahmen!

Subtrahieren wir mal die finanzielle Seite, dann ergibt sich auch ein Defizit bezüglich der Ausbildung. Regelmäßiges Training und fehlende Kurse für Welpen- oder Junghunde zum Beispiel, bedeuten vor allem fehlendes Lernen, ganz besonders in der grundlegenden Zeit. Dem Einzelhund fehlt zusätzlich die Sozialisierung unter Artgenossen. Viele Hundehalter und Hundesportler sind auf sich allein gestellt, auf unsere Trainer kommt statt Verfeinerung des Gelernten später die leidvolle Aufgabe der Fehlerkorrektur zu. 

Viele Trainer versuchen so gut es eben geht, telefonisch oder in kleinen, privaten Treffen den unerfahrenen Hundeführern zur Seite zu stehen. Inzwischen findet man außerdem viele Online-Angebote, bei denen man beispielsweise per Video hilfreiche Tipps erhalten kann. Gute Trainer filmen Alltagssituationen oder Trainingseinheiten mit ihrem eigenen Hund und zeigen, worauf sie beim Homeschooling achten müssen. Diese Formen des Ersatztrainings kann zwar eine richtige Welpenstunde nicht ersetzen, allerdings ist es während der Pandemie eine gerngesehene Alternative und könnte zukünftig das örtliche Training sicherlich ergänzen. Die Digitalisierung gestaltet das Thema Hund und deren Ausbildung bereits transparenter und moderner.

 

Schäferhund im AgilityTraumverlust und stiller Abgang

Bleibt das emotionale Problem für die Hundesportler, die ambitioniert für höhere Wettkämpfe trainiert haben und trainieren. Nicht nur die Welpenphase ist im Lebenszyklus eines Hundes wichtig, durch die recht kurze Lebenserwartung unserer Vierbeiner und die noch kürzere Karrieredauer eines Sporthundes sind wenige Monate bereits eine lange Zeitspanne. 

So sollte die abgesagte Bundessiegerprüfung im letzten Jahr vielleicht die letzte Großveranstaltung für einen in die Jahre gekommenen Vierbeiner oder auch Hundeführer sein oder die erste, für die man endlich, nach jahrelanger Arbeit, den richtigen Hund, das richtige Umfeld und den richtigen Ausbildungsweg gefunden hatte, um die Qualifikation zu schaffen. Monatelange Vorbereitung vollkommen umsonst. Hervorragendes Potential, super Sporthund, leider ohne krönenden Abschluss. Diese Titel fehlen fortan in der Vita des Hundeführers, der solange auf den einen Moment aufopferungsvoll hingearbeitet hat, um dann festzustellen, dass das eigene Ziel, der große Traum unerreicht, unerfüllt bleiben. Ja Corona macht auch hier traurig.

 

Lockdownhund – die neue Hunde“rasse“ 

Ebenfalls traurig könnten die Statistiken der örtlichen Ordnungsämter machen, die einen Anstieg an Hunde-Neuanmeldungen während der Pandemie zeigen. Nun erklärt sich dieser Boom sicher weniger durch die stetig gleichbleibende Nachfrage der Sporthundehalter, die den Zeitpunkt für den Rudelzuwachs unabhängig von der Konjunktur wählen und sorgfältig planen, welche Leistungszucht für sie in Frage kommt. Sie wählen ihren Welpen nach seinen Eigenschaften aus, und zwar langfristig. 

Homeoffice mit HundLockdown, Kurzarbeit, Homeoffice bringen dem hundesportlich interessierten Arbeitnehmer plötzlich mehr Freizeit und schaffen den vermeintlich besten Zeitpunkt für eine Neuanschaffung und den Einstieg. Und auch wenn nicht hundesportlich ambitioniert: die Kuscheleinheit mit dem Vierbeiner sind in der Zeit des social distancing beliebter psychischer Ersatz.

Leider kommt die plötzlich steigende Nachfrage selten den Tieren zugute. Angebliche Rassehunde, tolle Hybriden, die Liste auf den Online-Plattformen ist lang; dem Schwarzmarkt stehen alle Türen offener denn je. Eine Tatsache, die jeder Hundefreund mit sorgendem Blick beobachtet. Das voraussehbare Problem vieler dieser Lockdownhunde: sobald in der Wirtschaft wieder Normalität einkehrt und voll gearbeitet wird, ist die überschüssige Zeit schnell verschwunden. Aber Hunde, vor allem triebstarke, wollen trotzdem ausgelastet sein und können plötzlich zur Belastung werden. Tierheime und Notvermittlungen werden als Lösung gesehen. Aber diese Institutionen müssen bereits jetzt schon mit steigenden Kosten und sinkender Spendenbereitschaft zurechtkommen. „A dog is for life – not just for lockdown“ Solche Slogans gibt es inzwischen reichlich auf Social Media Seiten im Web, denn die Hundeliebhaber wollen diesem Thema Gehör verschaffen.

Und selbst, wenn nicht jeder Hund direkt nach der Pandemie wieder abgegeben wird, es entstehen Probleme. Ein Hund braucht Routine mit festen Zeiten. Ist man während der Pandemie kontinuierlich im Homeoffice, gewöhnt sich ein Hund an die Gesellschaft. Später ist er möglicherweise mit der Situation des Alleinseins überrumpelt.  

 

Spiegelarbeit in der EinkaufsmeileHomeschooling für Sporthunde

Schon mal die meterlangen Schaufensterscheiben der geschlossenen Geschäfte in der Einkaufsmeile für die Spiegelarbeit genutzt? Oder „Ablage unter Ablenkung“ neben dem Einkaufswagen auf dem Discounter-Parkplatz geübt? Hundeplatz ist tabu, also müssen neue Trainingsorte her. Koryphäen im Sporthundebereich weisen schon immer auf die Wichtigkeit der Generalisierung von Übungen in der Hundeausbildung hin. Allein die Geräuschkulisse und Publikumsverkehr bringen mehr Ablenkung als das ruhige Vereinsgelände mitten im Wald und fördern einfaches Ausblenden und Konzentration auf die Aufgabenstellung.

Training im eigenen Garten oder in Feld und Flur? Ein kontaktbeschränktes Training zu zweit ist individueller und dadurch intensiver. Für Sportarten wie Rettungshundearbeit, Mantrailing, Unterordnung und Fährte beispielsweise ist die Pandemie nicht so problematisch wie zum Beispiel für das geräteabhängige Agility und den IGP-Schutzdienst. Wir haben zwar festgestellt, dass die Alltagsmaske den Gebrauchshund nicht dabei stört, konzentriert seine Beute zu fixieren, aber das fälschlicherweise schlechte Image in der breiten Öffentlichkeit machen ein Schutzdienst-Training außerhalb des Vereinsgeländes unmöglich.

Bleibt den meisten IGPlern nur, sich einmal ganz und gar auf die sonst vielleicht etwas stiefmütterliche Abteilung Fährtenarbeit zu konzentrieren. Und ist es nicht interessant zu sehen, wie sich die Ergebnisse der Nasenarbeit als positive Nebenwirkung des Lockdown vielleicht verbessern? 

Hundesport ist Vereinssport – und das ist gut so

Seit Schließung der Vereinsheime wurden die sonst üblichen Kontakte eingeschränkt, wenn nicht sogar vermieden. Neben der Tatsache, dass die Helfer bei der Ausübung des Sports unabdingbar sind, ist es ebenso wichtig, sich in der Gemeinschaft auszutauschen. Obwohl die Sportler auf dem Platz Konkurrenten sind, setzen sie sich nach dem Training oder Wettkampf zusammen und philosophieren gemeinsam über ihr Hobby. Das gesellige Miteinander fehlt! Diese sozialen Verbindungen, der Ausgleich zum beruflichen Alltag, sind aufs Minimum reduziert. Keine einfache Zeit, vor allem wenn man zusätzlich im Homeoffice schon isoliert ist, der Arbeitgeber wirtschaftlich kriselt und sich auch Existenzängste einschleichen.

In solchen schweren Zeiten zeigt sich der Zusammenhalt unter den Hundesportlern. Virtuelle Events fordern zum Treff auf digitaler Ebene auf. So verkleinert der „Hundesport“ immerhin etwas die Distanz. Außerdem schafft der neue, sportliche Ansporn, sich virtuell zu messen, Motivation. Hundesportler präsentieren sich mit Videos oder Fotos im world wide web. Es gibt sogar Online-Wettkämpfe, die jeder für sich allein macht und deren Ergebnisse dann in der Community ausgewertet werden. Da ist sie: die Alternative zum Turnier auf dem Hundeplatz. Natürlich ist es nicht das gleiche und wird zukünftig das persönliche Treffen nicht ersetzen können, allerdings ist es eine zusätzliche Möglichkeit „gemeinsam statt einsam“ das Statement zu unterstreichen: Hundesport verbindet!

Was die Zukunft bringt, kann keiner voraussagen. Der Hundesport hat aber die Chance, gestärkt und vor allem modernisiert aus dieser Pandemie herauszugehen, wenn er die positiven Effekte nutzt, welche die Innovation und Kreativität gepaart mit der Erfahrung und dem Zusammenhalt der Hundeführer mit sich bringen. 

 

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  • Ein sehr schöner, sachlicher und durchdachter Artikel

    Lieber Sporthund,
    dieser Artikel hat wunderbar sachlich und trotzdem emotional nachvollziehbar auf die pandemischen Folgen für den individuellen Hundeführer und die Vereine hingewiesen. Auch solche Themen sollten - vor allem in dieser Weise - angesprochen werden.
    Vielen Dank!

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