Houston, wir haben ein Problem

Patella, Patella

 

Nein, wir reden nicht von einem spanischen Pfannengericht, sondern von der verrenkten Kniescheibe beim Sporthund. Und trotz der phonetischen Ähnlichkeit zum mediterranen Gaumenschmaus handelt es sich um ein ernstzunehmendes orthopädisches Problem – vor allem, wenn man "Sport" auf dem Plan stehen hat! Aber was steckt hinter der nicht-schmackhaften luxierten Patella, die unseren vierbeinigen Sportkameraden das Leben schwer macht?

Als meine holländische Schäferhündin "Ziva" (mehrfach IGP3 in Deutschland und den Niederlanden, zwei Würfe) plötzlich bei engen Kurven begann, ihr linkes Hinterbein mit einem kurzen Hüpfen hochzuziehen, reagierte ich erschrocken. Was war das für ein sonderbarer "Tick"?! Sie hatte sich in der dienstlichen Zwingeranlage unglücklich am Oberschenkel verletzt. Ein Muskelriss, der ihr eine Weile zu schaffen machte, mit Physiotherapie und anschließendem Aufbautraining im Zuggeschirr aber gut abheilte. Sie sprang wieder leidenschaftlich mit dem 3-er Holz über die Hürde und gab im Schutzdienst richtig Gas. Der Bewegungstick blieb. Obwohl ihr Knie auf Röntgenaufnahmen und bei Untersuchungen absolut unauffällig erschien! Besonders vor und während der Läufigkeit zeigte sich dieses unerklärbare "Holpern". Und manchmal auch bei nassem Rasen.

Symptomatisch führt eine ausgerenkte Kniescheibe zu einem charakteristischen "Hüpfgang", bei dem das betroffene Hinterbein nach phasenweise normal erscheinenden Bewegungsabläufen plötzlich teilweise oder sogar komplett entlastet wird. Bei Kleinhunden wirkt das unfreiwillig "lustig", weil die übertriebene Bewegung an spielerischen Übermut erinnert. Dem ist allerdings nicht so und der "Hüpfgänger" leidet in Wirklichkeit unter erheblichen Schmerzen! 

Erkennt man dieses Muster, ist der Gang zum Tierarzt also dringende Pflicht – eine unbehandelte Luxation führt zu oft äußerlich nicht sichtbaren Verletzungen im Gelenksapparat, selbst wenn sie während der Entlastungsbewegung "von alleine" wieder zurückgesprungen ist. 

Zur Beruhigung: Kanide Kniescheiben springen deutlich seltener aus der "Bahn" (eigentlich eine mit Knorpelmasse ausgekleidete Gleitfuge im Oberschenkelknochen), als dies beim von Knieproblemen geplagten Zivilisationsmenschen bekannt ist – da lastet physiognomisch dank des aufrechten Ganges doch erheblich mehr auf dem sogenannten "Sesambein" des Kniegelenks. Inklusive ungesund bewegungsarmen Lebensstils, denn Gelenke wollen funktionsgerecht bewegt werden!

Aufbau KnieAnatomisch gesehen ist die kleine, dreieckige Knochenscheibe in die große Strecksehne der Oberschenkelmuskulatur eingebettet. Sie hat eine wichtige Funktion: durch sie wird verhindert, dass diese Sehne als Verbindung zwischen Oberschenkel und Unterschenkel auf der eigentlichen Gelenkskapsel reibt und dadurch ausfranst oder die Kapselhülle reizt. 

Betrachtet man das Gangbild unserer Hunde (siehe "Dogs in Motion", 2016,  Dr. Martin Fischer), lässt sich mühelos nachvollziehen, wieso ein Sporthund mit einer ausgerenkten Kniescheibe schlichtweg keinen Schub mehr auf die Hinterhand bringen kann oder sogar Verletzungen wie Kapsel- und Bänderrisse folgen. Von massiven Schmerzen einmal abgesehen! Der große, vierköpfige Oberschenkelmuskel stoppt die durch das Körpergewicht ausgelöste Beugung des Hinterbeins, sobald die Hinterpfote aufsetzt und Last aufnimmt. Dabei wirken enorme Kräfte auf das Knorpelmaterial zwischen der Gleitfuge (Sulcus femoris) und dem darin rauf und runter rutschenden Sesambein. Jede Beeinträchtigung dieser Bewegung führt unweigerlich zu Abnutzungserscheinungen durch erhöhte Reibung: Arthrose ist die Folge.

 

Bedeutet das jetzt, ein Sporthund schwebt bei jedem kräftigen Sprung oder ungeschickter Kollision mit Hindernissen in akuter Gefahr, sich die eigene Kniescheibe ums Bein zu wickeln?

Nein, glücklicherweise nicht!

Laut veterinärmedizinischer Fachliteratur handelt es sich bei der "Patellaluxation" um eine sogenannte  "Junghundeproblematik" – überwiegend bei kleinen Rassen im ersten Lebensjahr. Obwohl zunehmend auch Hunde mittlerer oder größerer Rassen betroffen sind, schreibt der auf diesem Gebiet führende Schweizer Kleintierchirurg Dr. med. vet. ECVS Koch, zählen Gebrauchshunde nicht zu den typischen Risikopatienten. Er nennt Chihuahuas, Spitze, Pudel, Yorkshire Terrier und andere Kleinhunderassen, aber auch größere Hunde wie Appenzeller oder Flat Coated Retriever als besonders gefährdet. 

Tatsächlich spielen Traumata wie Sportverletzungen als Auslöser für dieses Krankheitsbild eine eher untergeordnete Rolle, auch seien massive Zerreißungen des Halteapparats in Folge einer Luxation sehr selten. Es liegen beinahe ausschließlich genetische Dispositionen vor – und hier sind Halter besagter Rassen gefragt, die sich für Hundesport interessieren: Ist der eigene Hund betroffen? Kann der Hund überhaupt sportliche Belastungen meistern? Denn oft fällt das wiederholte "Rausschnipsen" der Kniescheibe erst auf, wenn sich Arthrose oder Dysbalancen durch Schonhaltung gebildet haben und der Hund nicht mehr gerne springt oder losrennt. Manchmal erst nach Jahren, wenn der Knorpel Schaden genommen hat. Tatsächlich ist die Diagnostik bis heute nur durch sogenannte "Palpationsuntersuchung" (Durchbewegen, manuelles Abtasten) durchführbar – und gerade geringgradige Stufen haben eine hohe Fehlerquote, einfach unentdeckt zu bleiben. Wie bei Ziva. Mittlerweile weiß ich, dass hoher Muskeltonus während der Untersuchung ein Auslösen durch den Tierarzt verhindern kann.

Holländischer Schäferhund im SchutzdienstEs gibt praktisch keine Möglichkeit zur Prävention im Welpenalter, sollte eine genetische Vorbelastung bestehen. Tierärzte appellieren deshalb an eine verantwortungsbewusste Zucht, da diese maßgeblich beeinflusst, ob der Hund überhaupt darunter zu leiden hat. Auch wenn man großen Hunden eher Gelenksproblematiken nachsagt: in diesem Fall scheint eine züchterisch forcierte Miniaturisierung von Hunderassen ungünstigten Einfluss auszuüben.

"Mittelgradig vermutete Erbkrankheit" lautet die Einstufung der Kleintierorthopädie – und doch seien rund drei Viertel aller Luxationen auf Einflüsse nach der Geburt zurückzuführen. Sollten in den ersten vier Lebensmonaten futterbedingte Mangelversorgungen, zu schnelles Wachstum oder übermäßige, für das körperliche Entwicklungsniveau unpassende Bewegung auftreten, steige das Risiko einer Fehlentwicklung. Allerdings bleiben radiologische Untersuchungen bezüglich Auffälligkeiten im Skelett betroffener Hunde eine klärende Begründung schuldig. Unter Vorbehalt könnte es sich um eine leichte Rotationsfehlstellung handeln, welche durch Fehlbelastung die Kniescheibe nach und nach aus der korrekten Bahn zieht. Da das Sesambein durch austarierten Muskelzug an seinem Platz gehalten wird, begünstigt jegliche Über- oder Untertension der Aufhängung eine solche Fehlbelastung: gleichmäßige Bemuskelung ist immer auch ein Schutz für die Gelenke!

Bei fortschreitendem Leiden bauen sich Muskeln durch Schonhaltung ungleichmäßig ab, dadurch lockert sich der Halteapparat und der Zug wird noch ungleichmäßiger. Das Ausrenken ist durch diese Lockerung zwar nicht mehr so schmerzhaft, aber das Gelenk zeigt sich in seiner Funktion erheblich gestört. Die Hunde "hinken" nun deutlich und entlasten das betroffene Bein so weit wie möglich, da Lastaufnahme mit erheblichen Schmerzen verbunden ist und zudem die Knorpel zunehmend Schäden erleiden.

Die gerade bei hochgradigen, chronisch auftretenden Luxationen mit Gelenksschäden notwendige chirurgische Behandlung hat zwar gute Prognosen, von einem ambitionierten sportlichen Einsatz im Nachgang sei jedoch eher abzuraten – so die Physiotherapeutin Nadine Schöfer, die ihre Hollandse Herder im Mondioring führt und sich intensiv mit der Rehabilitation von Sporthunden befasst. Sie besitzt eine Tochter von Ziva – glücklicherweise kerngesund!

Bei Sportverletzungen durch "stumpfe Traumata" verrenkt sich die Kniescheibe meist nach innen, was dann gleichzeitig die Gefahr eines Kreuzbandrisses vorne birgt. Zudem kann die Gelenkkapsel einreißen. Da sind hartes Training und Wettkampfbedingungen einfach nicht mehr drin, selbst wenn die akute Verletzung abgeheilt ist!

 Grade der Patellaluxation

 

Trotzdem gehört physiotherapeutische Behandlung zur wichtigen Nachsorge: der "weiche" Halteapparat des operierten oder ausgeheilten Kniegelenks braucht Bewegung, um durchblutet und mit wichtigen Nähr- und Schmierstoffen versorgt zu werden. Andernfalls würde das Gelenk versteifen.

Damit diese natürliche Bewegung wieder ohne einseitige Belastung ausgeübt werden kann, muss die degenerierte Muskulatur des betroffenen Beines durch entsprechende Übungen aktiviert und aufgebaut werden. Und letztendlich gehört auch die Rückgewinnung der durch Nervenschäden und Fehlhaltung beeinträchtigte Tiefenwahrnehmung zu einer gesunden Gelenksfunktion:

Auch beim gesunden Hund müssen die Muskelrezeptoren den Kraftaufwand dosieren, mit dem das Bein in den Boden gestemmt wird – das physikalische Nadelöhr ist und bleibt die Kniescheibe. Daher verdient das kleine Sesambein angemessene Beachtung, sollte etwas "klemmen".

Ziva ist nach dieser lange unentdeckten Spätfolge noch zwei IGP3 in den Niederlanden gelaufen, bevor ich sie aus dem Sport genommen habe: der Einsatz als Zuchthündin hat – lehrbuchmäßig – die Problematik verschlimmert. Sie genießt heute ein erfülltes "Couchleben" mit viel gleichmäßiger Bewegung, Schwimmen, Nasenarbeit und langen Spaziergängen. Ihre erfolgreich in unterschiedlichen Sportdisziplinen geführten Nachkommen haben keine Patellaprobleme.

 

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