Herausforderung: Nachwuchs

Kopf und Bauch können einwandfrei harmonieren

Neues Jahr, neues Glück. So zumindest bei mir, denn endlich habe ich mal wieder einen vielversprechenden Welpen zur Aufzucht! 

Mich kennen viele als Referent für Kommunikation und Aggressionsverhalten bei Hunden – und einige auch als Berater für die Resozialisation „schwerer Felle“ und für moderne, wesensgerechte Ausbildung. Aber auch bei mir wird nur mit Wasser gekocht und wenn so ein Hundekind einzieht, steht hier manchmal alles Kopf. Bei mir bedeutet eine gute Aufzucht unter anderem den Balanceakt, so einen kleinen Wirbelwind in ein bestehendes Rudel holländischer Schäferhunde zu integrieren. Und gleichzeitig körperlich und mental die bestmögliche Förderung für sein späteres Leben als Sport- und Diensthund zu bieten.

Dieser Wunsch begleitet wohl jeden sportambitionierten Welpenbesitzer – ob derjenige nun mehr oder weniger auf dem Hundeplatz wohnt oder mit Haus, Kind und Kegel ein wenig „Qualitytime“ nach dem kräfteraubenden Vollzeitjob anstrebt. Und das gilt auch für unterschiedliche Sparten.

Dazu ein paar Grundlagen:

Selbstreflexion ist essentiell.

Wie oben angedeutet muss ich mir vor allem bewusst sein, was „Sport“ für mich bedeutet – und was ich für persönliche Voraussetzungen mitbringe. Viele später auftretende Schwierigkeiten lassen sich prima unter „Hätte ich das vorher gewusst!“ zusammenfassen. Erfahrungen haben letztendlich die nervtötende Eigenheit, erst dann vorhanden zu sein, nachdem man sie dringlichst gebraucht hätte. Das kennen wir alle. Aber lernen wir daraus auch, wie man das vermeidet?

Mein Tipp hierbei: Augen auf und hinschauen! 

Ausbildung an der Futterhand

Wenn ich mich für ein bestimmtes Betätigungsfeld interessiere, schaue ich mir das in Ruhe an. Und zwar bevor ich mich an irgendeine Wurfkiste begebe und der schieren Niedlichkeit von Hundewelpen verfalle. Das sabotiert mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit jede Vernunftsentscheidung! Haben wir uns gut darauf vorbereitet, darf es das aber auch.

Informationen, die ich mir vorab möglichst mit allen Sinnen hole: Wie sieht das „Endprodukt“ aus (beispielsweise ein Wettkampf oder eine Prüfung), was habe ich für Möglichkeiten in meinem Lebensumfeld, welche Trainingsmethoden begegnen mir, was für Hundetypen laufen erfolgreich – und was für Hundetypen findet man eher beim entspannten Hobbysportler. Und natürlich ganz wichtig: wo verlote ich mich und was spricht mich an? Denn das wird in Zukunft meine unterbewussten Entscheidungen beeinflussen.

Das Leben lacht zwar über unsere Pläne – aber wir können mitlachen, wenn wir vorab über genügend Wissen verfügen. Und Humor ist bei Welpen ohnehin lebensnotwendig..

 

Kynologisches Wissen hilft bei wichtigen Entscheidungen.

Eine gute Nachricht: Kopf und Bauch können einwandfrei harmonieren. Das muss man sich allerdings ein bisschen erarbeiten. Zu viel „Verkopfen“ führt beispielsweise eher zu Verwirrung als zu lösungsorientierten Entscheidungen – gerade bei faktischen Widersprüchen. Und leider wird auch heute noch häufig propagandiert, ein Sporthund könne gleichzeitig nicht wie ein Familienhund aufgezogen werden. 

Das halte ich für falsch und zudem verheerend für die soziale Entwicklung unseres vierbeinigen Nachwuchses.

Zunächst ist jeder Hundewelpe ein unreifes Individuum, das selbstverständlich bestimmte Entwicklungsphasen durchlaufen muss. Wie sich diese Phasen konkret zeigen, unterliegt bestimmten Faktoren. Wissenschaftlich belegt ist beispielsweise, dass unterschiedliche Rassen über zuchtbedingt veränderte Hirnstrukturen verfügen (1) – allerdings ist noch nicht abschließend erforscht, wie sich diese strukturellen Unterschiede konkret auswirken. Und auch nicht, was wir davon ableiten können. Weil „gute“ Wissenschaft immer sehr vorsichtig formuliert: Verkopfen würde bedeuten, anhand festgeschriebener Erkenntnisse nach einer Art vorprogrammierten Entwicklungsgarantie zu suchen. Nein, die gibt es nicht – aber wir dürfen getrost den Glaubenssatz vergessen, „jeder Hund ist gleich“.

Neben diesen genetisch fixierten Faktoren entscheidet natürlich das Erleben und Erlernen in sogenannten „sensiblen Phasen“ über das, was wir später als Wesen unseres neuen Kameraden wahrnehmen werden. Und hier können wir tatsächlich sehr viel beeinflussen! (2)

 

Die vielgerühmten „Sensiblen Phasen“ 

Um ein wenig Klarheit über Entwicklungsphasen (3) zu schaffen: Auch Hunde lernen ein Leben lang. Die Evolution sieht allerdings gewisse Zeitfenster und wohlportionierte Abfolgen vor, die „nicht mit dem Leben zu vereinbarende“ Lernerfahrungen möglichst verhindern. Das ist für das Überleben einer Spezies sehr hilfreich.

Prä- und Neonatale Phase:

Die fortgeschrittene Trächtigkeit und die ersten drei Wochen nach der Geburt liegen zumeist allein in der Hand des Züchters. Haben wir die Möglichkeit, die Mutterhündin bereits vor der Geburt kennenzulernen und die Welpenentwicklung beispielsweise über Videos direkt zu begleiten, kann das sehr aufschlussreich sein. In diesen Zeitabschnitten bildet sich u.a. die spätere Stressresistenz aus. Wir können auch beobachten, wie intensiv die Welpen nach Körperwärme und Berührungen streben. Und auch, ob sie viel oder wenig Unwohlsein durch Schreien zeigen. Ich persönlich nehme keine Welpen, die überdurchschnittlich viel Schreien (Mitteilung von Unwohlsein) und ungewöhnlich hohen Muskeltonus aufweisen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass diese Hunde später weniger Stressresistenz und emotionale Stabilität aufweisen. Ich bin auch kein Freund von Rotlicht und immer gleichbleibend angenehmer Temperatur – es verwehrt notwendige Anpassungsreaktionen, die nur durch moderate Stressreize (Umgebungskälte und aktives Aufsuchen der Nestwärme) ausgelöst werden.

der erste Blick mit ca. 15 Tagen

Übergangsperiode: 

Die einschlägige Literatur beschreibt diese zwischen der zweiten und der dritten Woche. Hier profitieren die Welpen von visuellen und akustischen Reizen, da sich die entsprechenden neuronalen Netzwerke zur spezifischen Reizverarbeitung mit den Sinnesorganen verknüpfen. Zudem gewinnen sie an motorischer Kontrolle und die Aktivitätsphase verlängert sich. Auch erste Kampfspiele entwickeln sich als aktive Auseinandersetzung mit der direkten Umwelt. Also her mit dem ersten Welpenspielplatz! Bieten die Züchter jetzt schon Löseplätze mit natürlichen Untergründen und sorgen für gute Hygiene in der Wurfkiste, lässt sich die spätere „Stubenreinheit“ deutlich einfacher trainieren. Auch Belohnungssignale wie der „Futterpfiff“ ab dem ersten Zufüttern bringen erhebliche Vorteile für die spätere Ausbildung. Die Welpen lernen hier bereits, zu lernen!

Sozialisierungsphase WelpenSozialisierungsphase:

Etwa ab der vierten Woche bis zur vierzehnten Woche (manche Werke setzen auch von der dritten bis zur zwölften Woche an) beginnt die eigentliche Sozialisation. In der primären Phase dreht es sich dabei hauptsächlich um soziales Spiel mit den Wurfgeschwistern. Hier beobachtet man ein stetig wachsendes Repertoire an Kommunikation und auch die individuellen Strategien bilden sich aus. Welpen zwischen der dritten und der fünften Woche zeigen sich auffällig angstfrei, lernen dadurch aber noch nicht durch negative Konsequenzen auf ihr Verhalten. Viele domestizierte Hundemütter greifen zudem wenig in die wilder werdenden Raufspiele ein; hier können sich durchaus kleine „Tyrannen“ entwickeln. Da sollte der Züchter ein wachsames Auge darauf haben. Wer möchte schon einen Welpen, der nie gelernt hat, mit Frustration umzugehen oder sich selbst zurückzunehmen? Aus sich wiederholenden Mustern an Reaktionen setzt sich auch der spätere Charakter des gereiften Hundes zusammen – frei nach dem Motto: „drum prüfe, wer sich ewig binde..“

Die sekundäre Sozialisation bezieht sich auf den Umgang mit „artfremden“ Lebewesen. Deshalb schwingt die entwicklungsbedinge „Angstfreiheit“ in Schreck- und Angstreaktionen um. Hier ist es gerade für einen zukünftigen Arbeitshund immens wichtig, Menschen, Tiere und Objekte kennenzulernen, die ihm später in seinem Lebensumfeld begegnen. Diese erste „spooky“ Phase entscheidet letztendlich über die Grundhaltung, die ein heranwachsender Hund gegenüber seiner sozialen Umwelt zeigt. Und auch seiner Fähigkeit, Unwohlsein oder Unsicherheit durch Neugier, Erkundungsverhalten und Abgleich mit Erinnerungsinhalten zu überwinden. 

Da der Welpe meist zwischen der 8. bis 12. Woche bei uns einzieht, lohnt sich eine sorgfältige Betrachtung: welche Erfahrungen konnte das Hundekind bisher mit Menschen und anderen Hunden sammeln und wo sollten wir rechtzeitig nachhelfen, wo dürfen wir auf seine bereits erfolgte Sozialisation vertrauen? „Zu viel“ ist gar nicht immer gut. Und da bleibt auch die Frage: Wo beginnt Erziehung und was ist Aufbautraining im Sport?

 

Der nächste Teil begleitet den vierbeinigen Nachwuchs bei seinen tapsigen Schritten in die Welt des Hundesports!

 

 

 

 

Quellen:

(1)   Erin E. Hecht, Jeroen B. Smaers, William D. Dunn, Marc Kent, Todd M. Preuss and David A. Gutman Journal of Neuroscience 25 September 2019, 39 (39) 7748-7758; DOI: https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0303-19.2019

(2)   Howell T, King T, Bennett P. Puppy parties and beyond: the role of early age socialization practices on adult dog behavior. Vet Med (Auckl). 2015;6:143-153

(3)   Serpell J, Jagoe JA: Early experience and the development of behavior. In Serpell J (ed): The domestic dog, its evolution, behavior and interactions with people, Cambridge, 1995,

 

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