Herausforderung Nachwuchs (2)

Pubertät ist, wenn der Hundeführer schwierig wird!

 

Leider ist sie viel zu schnell vorbei – die Welpenzeit, in der regelmäßig Herzen schmelzen und die spätere Form des flauschigen Gremlins kaum zu erahnen scheint. Pfützchen auf dem teuren Teppich, angeknabberte Möbel, spitze Vampirzähnchen: (beinahe) alles ist verzeihbar, was dem kleinen Wirbelwind zum Opfer fällt. Zum Opfer fallen häufig auch gute Vorsätze und gezieltes Training für die spätere Karriere. Manchmal mit einem Anflug schlechten Gewissens: sie sind halt nur einmal so klein und niedlich!

Denn irgendwann wacht der verzückte Hundeführer auf. Statt unschuldiger Welpenaugen lacht ihm ein zahnlückiges Lausebengelgesicht entgegen, dessen Ohren noch nicht so recht stehen wollen und der scheinbar über Nacht sämtliche Regeln und Erziehungserfolge vergessen zu haben scheint. 

Willkommen in der Hundepubertät, jetzt ist es zu spät! Oder gibt es da noch ein „Dazwischen“ und haben wir es wirklich schon mit der sogenannten „Pubertät“ zu tun?

 

Golden Retriever WelpeDie ersten Monate im neuen Zuhause

Ganz so plötzlich kam dieser Umschwung selbstverständlich nicht: die Welpenzeit ist zwar schnell vorüber, der Übergang zum „Junghund“ geschieht jedoch fließend. Unser vierbeiniger Nachwuchs zieht gewöhnlich in der zweiten Hälfte der Sozialisierungsphase bei uns ein. Wir erleben seine erste „Spooky Phase“ an unserer Seite und können wertvolle Grundsteine zum späteren Zusammenleben legen. Doch spätestens ab der 18. Woche haben wir es mit einem Junghund zu tun! 

Uns bleiben also zwei bis zweieinhalb Monate für ein angemessenes „Welpenprogramm“, welches die sensible Phase optimal ausnutzt. Wir erinnern uns an den ersten Teil dieses Welpen-Specials: 

„Diese erste „spooky“ Phase entscheidet letztendlich über die Grundhaltung, die ein heranwachsender Hund gegenüber seiner sozialen Umwelt zeigt. Und auch seiner Fähigkeit, Unwohlsein oder Unsicherheit durch Neugier, Erkundungsverhalten und Abgleich mit Erinnerungsinhalten zu überwinden.“

Wir dürfen selbstverständlich die Welpenzeit in vollen Zügen genießen – das Erlernen dieser Lebenskompetenzen lässt sich spielerisch in den Alltag einbauen. Ein wenig Selbstdiziplin ist hierbei allerdings schon gefordert. Vielen Hundehaltern helfen kleine Tagebücher oder sogar selbst erstellte Checklisten für das „kleine Welpen-1x1“.

So eine Liste könnte beinhalten, welche „leblosen Objekte“ oder Geräusche unsere favorisierte Sportart beinhaltet oder ob es bestimmte Situationen gibt, in denen unser Hund gelassen und entspannt bleiben soll. So eine Auflistung hilft auch dabei, nicht „zu viel“ auf einmal zu wollen. Mehr als zehn oder fünfzehn Minuten intensive Beschäftigung mit neuen Reizen muss nicht sein – zwei Monate bieten eine Menge zeitlichen Raum und man muss die Tage nicht vollstopfen. Viel wichtiger ist unsere Anleitung, in welcher Stimmung wir Bekanntschaft mit neuen Inhalten machen und ob wir ein bestimmtes Erkundungsverhalten dulden oder besser unterbinden. Manche Welpen benötigen mehr Unterstützung oder wiederum eine körperliche Bremse, um nicht zu überdreht drauflos zu stürzen – und auch wir benötigen ein klares Bild, was wir als Verhaltensmuster wollen. Denn jetzt können wir das entweder bestärken oder hemmen. Später werden wir uns damit erheblich schwerer tun.

 

Juvinilität – der Junghund

Vom lateinischen iuvenis = “jugendlich“ abgeleitet, beschreibt die Biologie das Entwicklungsstadium vor der körperlichen Geschlechtsreife. Etwa ab dem vierten Monat beginnt die Zahnung – viele Junghunde werden jetzt sehr maulorientiert, benagen und beknabbern Gegenstände, die sie vorher weitestgehend in Ruhe gelassen haben. Die bereits aufgerichteten Ohren kippen wieder und häufig beginnt die nächste „Spooky Phase“ – zumindest partiell, wenn man das Verhalten genauer betrachtet. Hier liegt es an einer Nachreifung der visuellen Fähigkeiten. Entfernte Umrisse werden plötzlich wahrgenommen – und das ist unheimlich! Auch der eigene Hundeführer kann dann auf Entfernung schon mal zum Gespenst mutieren. Verständlicher werden diese Reaktionen durch die Überlegung, wie weit sich der Youngster bisher von einem entfernt hatte – hatte er überhaupt schon einmal die Möglichkeit, uns aus größerer Distanz wahrzunehmen? Und wenn ja – musste er alleine entscheiden, ob er diese Wahrnehmung als freundlich oder bedrohlich einstuft?

gemeinsames Spiel mit Junghund

Dieser Altersabschnitt ist die wichtigste Zeit, um soziale Erfahrungen im erweiterten Umfeld sammeln zu können. Sogenannte „Leinenaggression“ entwickelt sich im Frühstadium oft aus dieser Phase: der Heranwachsende konnte seine Strategien nicht anpassen. Was aus Unfallverhütungsgründen gut und wichtig ist, hat die Natur bei den verschiedenen Entwicklungsstufen nicht miteinberechnet: an der Leine aus der Distanz Entscheidungen treffen, ob es sich um eine Bedrohung handelt. Hier ist die aufmerksame Hilfestellung des Menschen Gold Wert. Haben wir vorher ein „alles friedlich“ Signal etabliert, können wir unserem Vierbeiner helfen, ohne ihn abgeleint „auf Erkundung“ zu lassen. Das ist in manchen Situationen einfach nicht möglich.

 

Das ewige Puber-Tier?

Obwohl bereits im Junghundealter erste, meist spielerische Ansätze von Sexualverhalten gezeigt werden, reift die Sexualität erst in der vielbesungenen Pubertät. Das liegt an der hormonellen Umstellung. Die Fachliteratur verortet diese weitere wichtige Phase zwischen sechs und neun Monate – rassebedingt kann das variieren. Danach ist der junge Hund biologisch dazu in der Lage, Nachwuchs zu zeugen oder tragend zu werden. Die geistige Reifung ist allerdings noch lange nicht abgeschlossen!

Neurobiologisch ist die kanide „Großbaustelle Gehirn“ unserer Pubertät sehr ähnlich. Das emotionale Bewertungszentrum zeigt sich in dieser Phase vergrößert, was sich durch gesteigerte Reizempfindlichkeit und affektiverer Reaktionen äußert. Auch die Rezeptordichte für beispielsweise Dopamin verändert sich. Durch das leichter erregbare „Belohnungssystem“ treten vermehrt selbstbelohnende Verhaltensweisen auf und unser „Pubertier“ wird weniger ansprechbar. Auch durchfluten ihn ungewöhnlich viele Stresshormone, was Lernprozesse erschweren kann. Großhirnrinde und präfrontaler Kortex bauen in dieser Zeitspanne eher Synapsen ab. Dass darunter kognitive Prozesse und willkürliche, planvolle Ausführung leiden, liegt auf der Hand. Glücklicherweise reifen diese Hirnregionen nach den „Umbaumaßnahmen“ heran, denn die brauchen wir insbesondere auf dem Hundeplatz.

Wie geht man also damit um, wenn der vorher so motivierte Blitzmerker von einem Tag auf den anderen nicht mal mehr seinen eigenen Namen kennt? Die sicherlich frustrierende Antwort: mit Geduld, Nachsicht und Konsequenz. Wenn wir uns vor Augen halten, dass der Youngster seine emotionalen Bewertungen an das bisher gesammelte „Wissen“ anpassen muss, wird diese Zeit erheblich entspannter. Durchatmen, ein paar Schritte zurückgehen und dabei unterstützen, die passende Dosis an Emotionen in die bereits bekannten Übungen zu integrieren – das ist mein Geheimtipp für eine nicht ganz so nervtötende Pubertät!

 

Schutzdiensttraining "erster Anbiss"Adoleszenz: die Zeit der Lederjacken-Djangos

Viele Hundeführer interpretieren die „Pubertät“ in die Adoleszenz – das ist die Entwicklungsphase nach der biologischen Geschlechtsreife. Genau genommen handelt es sich allerdings um „psychosoziale“ Prozesse – der Begriff „Rüpelphase“ trifft es eher. Und hier lässt sich das mitunter anstrengende Verhalten auch nicht mehr mit umstrukturierungsbedingter Glitzerknete im Gehirn begründen. Das „junge Gemüse“ sucht seine soziale Position – da ist Hinterfragen, Ausprobieren und manchmal auch gepflegt über das Ziel hinausschießen geradezu Pflicht. Bis zu dreieinhalb Jahre kann es dauern, bevor ein Hund körperlich und geistig als „Ausgewachsen“ gilt. Da wir unsere ersten Prüfungen ab 15 beziehungsweise 18 Monate absolvieren können, müssen wir uns damit arrangieren, dass unsere vierbeinige Sportskollege manchmal seine eigene Agenda auf dem Plan hat.

 

Müssen Sporthunde „anders“ aufwachsen als Familienhunde?

Ein klares Nein.

Soziale Reife (Erkennen und Respektieren von Regeln, sozialadäquate Kommunikationsstile und auch Verlässlichkeit im Reaktionsvermögen) benötigt jedes in einer Gemeinschaft lebende Geschöpf. Sie bildet auch die Grundlagen für ein produktives Miteinander auf dem Platz: Kooperation muss sich lohnen. 

Ein Sporthund erlernt während seiner Ausbildung idealerweise ein potentes Zusatzpaket an Reizen und Aktionsmustern – was sich sehr sauber vom Alltag trennen lässt. Wir müssen im Alltag nichts zulassen, was später erheblich stören würde. Aber wir müssen klar und konsequent zeigen, was in welcher Situation adäquat ist – oder eben nicht. Dafür braucht man ausreichend Grundwissen über die Entwicklungsphasen des Vierbeiners. Sozusagend unser Rüstzeug als artfremder Erziehungsberechtigter..

 

 

Quellen:

Erin E. Hecht, Jeroen B. Smaers, William D. Dunn, Marc Kent, Todd M. Preuss and David A. Gutman Journal of Neuroscience 25 September 2019, 39 (39) 7748-7758; DOI: https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0303-19.2019

Howell T, King T, Bennett P. Puppy parties and beyond: the role of early age socialization practices on adult dog behavior. Vet Med (Auckl). 2015;6:143-153

Serpell J, Jagoe JA: Early experience and the development of behavior. In Serpell J (ed): The

domestic dog, its evolution, behavior and interactions with people, Cambridge, 1995,

v. Engelhard, W; Physiologie der Haustiere (2015) 978-3-8304-1259-5 (ISBN)

 

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