„Wer geht schon mit einem Hetzarm über die Straße?!“ Teil 2

Fortsetzung des Interviews mit Dr. Esther Schalke: (hier ist Teil 1)

 

Wie kann man die Qualität eines Hundes am besten beurteilen?

Dr. Esther Schalke: Da gibt es fünf Kriterien, an denen du im Ausdrucksverhalten sehen kannst, ob das ein Hund ist, der wirklich alles gibt. Also, ist das ein guter Arbeitshund oder ist das eine Lusche, die nur technisches Verhalten abspult, der aber der letzte Pfennig an der Mark fehlt. Ein Punkt  ist, wie häufig wäre der Hund bereit, das Verhalten zu wiederholen. Das kann man natürlich in einer Prüfung schlecht testen. Du kannst ja nicht die Situation nochmal und nochmal wiederholen. 

Die anderen vier Punkte sind: 

  • die Intensität der Reaktion. Du siehst schon, mit welchem Tunnelblick der Hund sich nur auf diese Situation fixiert und ob er sich voll auf seine Aufgabe konzentriert. 
  • die Energie, die er in das Verhalten steckt. Das erkennst du an der Muskelspannung. 
  •  die Geschwindigkeit, mit der er etwas macht. 
  • Und  die Latenzzeit. Das ist die Zeit zwischen dem Wahrnehmen eines Reizes und der darauf folgenden Reaktion. 

 

▶ ▶ ▶ ▶ ▶ Wenn die Intensität, die Geschwindigkeit und die Energie hoch sind und die Latenzzeit kurz, dann hast du diesen energiegeladenen Hund, um den es vielen Sportlern geht. Und wenn du einen Hund hast, der in den ersten drei Punkten niedrig ist und in der Latenzzeit sehr hoch, dann hast du einen Hund, dem das letzte Quäntchen an Emotionalität fehlt, um dann tatsächlich ein guter Gebrauchshund zu sein. 

Vielleicht müsste man sich mal Gedanken darüber machen, wie man das in ein Bewertungssystem einarbeiten kann, was dann auch praktikabel für den Leistungsrichter vor Ort ist. 

Hans Ebbers: Das ist natürlich schwierig. Wenn du so ein System verändern willst, dann müssen ja alle zustimmen. Ob das gelingt? Man sieht ja, wie schwierig es ist, eine Prüfungsordnung zu verändern.

 

Stockschläge im SchutzdienstJa, da wird dann drei Jahre diskutiert, ob wir bei der IPO 1 nun ein- oder zweimal über die Hürde springen.

Hans Ebbers: Je größer die Gruppe ist, desto schwieriger ist das. Weil jede Gruppe unterschiedliche Zielsetzungen hat. Und dann gibt es ja auch noch nationale Beschränkungen. In der Schweiz finden, glaube ich, überhaupt keine Stockschläge mehr statt. Da darf für eine Meisterschaft mal eine Ausnahme gemacht werden. Und die Ausbildungswege werden ja auch unterschiedlich vorgegeben. 

Wir müssen da gar nicht vom E-Gerät anfangen, was bei uns verboten ist, aber in den Nachbarländern nicht. Die Voraussetzungen sind unterschiedlich und die Gesetzgebung auch. Das muss sich ja alles irgendwo in einer PO widerspiegeln.

 

Das E-Gerät ist ein leidiges Thema. Es ist in Deutschland verboten, aber das heißt ja nicht, dass es nicht benutzt wird. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, es unter Nachweis von Sachkunde zu erlauben?

Hans Ebbers: Das denke ich auch. Aber wie soll so ein Sachkundenachweis aussehen? Wer soll denn da wen prüfen und wie soll das ablaufen?

Dr. Esther Schalke: Wie es ablaufen sollte, darüber habe ich mir viele Gedanken gemacht. Aber wen nimmt man als erste Prüfer mit ins Boot? Das ist natürlich eine schwierige Frage. Rechtlich ist es so: Im Moment haben wir nur ein Gesetzesurteil zu einem Paragrafen des Tierschutzgesetzes, der sich auf die Tatsache beruft, dass das Gerät, um das es ging, in der Lage war, erhebliche Schmerzen, Leiden, Schäden auszulösen. Das heißt, die Frage ist ja, wenn das Gerät dazu nicht mehr in der Lage ist, gilt dann dieses Urteil noch?

 

Das ist eine interessante Frage. 

Dr. Esther Schalke: Ich habe mal mit einer Juristin gesprochen. Das ist noch nicht das Ende der juristischen Fahnenstange, wenn das jemand wirklich durchklagen wollte. Ethologisch haben wir ja ein paar Studien gemacht, die zeigen, dass das so einfach nicht ist ... 

 

Die vergleichende Studie mit Stachel, Abbruchsignal und dem E-Gerät?

Dr. Esther Schalke: Ja. Da ist ja ein politisch unerwünschtes Ergebnis bei rausgekommen.

 

Ja, das konditionierte Abbruchsignal hat nicht wirklich funktioniert. 

Dr. Esther Schalke: Vor allem hat es aber bei den Hunden, wo es funktioniert hat, eine erheblich höhere Belastung ausgelöst. Das kommt ja noch dazu. Was nicht heißt, dass ich einen Freifahrtschein für das E-Gerät haben möchte.

 

Man muss auch ehrlicherweise sagen, dass damit viel Missbrauch betrieben wurde. 

Dr. Esther Schalke: Da kommen wir ja gerade beim E-Gerät in eine heiße Diskussion. Ist das, was wir da wahrnehmen, wirklich ein Schmerz? 

Da ist Dieter Klein (Anmerkung des Redaktion: Dipl. Ing. für Biomedizinische Technik und Autor des Buches „Telereizgeräte – Sachkunde zur Anwendung in der Hundeausbildung“) dann der bessere Ansprechpartner. Aber jeder, der mal ein E-Gerät an sich ausprobiert hat; ich habe im Zusammenhang mit unserer Studie mehrere Geräte ausprobiert; ob jetzt das jemand rein medizinisch auf den hohen Stufen als Schmerz bezeichnet oder nicht – ich fand, es tat weh. Aber abgesehen davon, muss man auch sagen, das Tierschutzgesetz macht eine ganz klare Vorgabe. Das ist der vernünftige Grund. Und damit kommen wir im sportlichen Bereich an einen ganz kritischen Punkt. Ist der Sport ein vernünftiger Grund? Das bleibt immer im Raum stehen. Und das ist immer diskussionswürdig, unabhängig von den Ergebnissen, die wir haben.

 

Aber im Diensthundebereich gibt es diesen vernünftigen Grund, z. B. dass der Hund sauber trennt, wenn er einen Täter gebissen hat.

Dr. Esther Schalke: Es gibt auch eine Alltagssituation: das massive Jagdverhalten. Das wäre so etwas, wo man diskutieren könnte. 

Hund Jagd EntenDa haben wir auf der einen Seite: ein Leben lang an der Leine laufen. Da haben wir ja in Studien nachgewiesen, dass das die Tiere sehr belastet. Auf der anderen Seite das einmalige Abbrechen durch Zwangseinwirkung via E-Gerät. Da muss man aber auch ganz klar sagen, das ist eine positive Strafe, die eine Aversion auslösen soll. 

Das muss man sich nicht schönreden. Das führt uns nicht weiter. Aber dann haben wir eine gute Abwägung und die ist natürlich wirklich eine spannende Frage.

Hans Ebbers: Aber im Diensthundebereich – wo das gerade angesprochen wurde – ist es natürlich so, dass bestimmte Sachen im Dienst auf jeden Fall funktionieren müssen. Das Training beinhaltet aber nicht, dass da immer schön aufs Knöpfchen gedrückt wird. Die ersten Schritte müssen ganz klar so sein, dass man dem Hund ein Verhalten beibringt. Und das ist beim Anti-Jagd-Training genau das Gleiche. 

 

Das steht außer Frage. Ein E-Gerät ist keine Fernbedienung für den Hund.

Dr. Esther Schalke: Ein Stressor muss immer kontrollierbar sein.

Hans Ebbers: Es kann aber immer in einer hohen Motivationslage dazu kommen, dass selbst bei optimaler Vorbereitung der Tag kommt, an dem mein Tierchen sagt: Oh, das Kaninchen finde ich aber jetzt spannender. Und dann kommt er nicht zurück. Wie geht man dann damit um? Wenn ich eine lange Leine dran habe, natürlich kann er nicht hinterherlaufen ...

Dr. Esther Schalke: Er kann aber trotzdem jagen. Er kann nur nicht hetzen.

 

Jagdverhalten ist selbstbelohnendUnd das ist dann auch schon selbstbelohnend.

Hans Ebbers: Der Hund wird natürlich die Erfahrung machen, in einem bestimmten Kontext ist es unmöglich. Aber die Frage ist, möchte ich überall als Signal bei diesen ganzen Verhaltensweisen dazwischen stehen? Denn irgendwann bin ich nicht da. Und dann wird der Hund auch gelernt haben: der Kontext ist anders – jetzt ist es möglich. 

 

Seit Bart Bellon häufig über Dopamin spricht und sich das YouTube Video „DopamineJackpot“ in der Hundesportszene immer größerer Bekanntheit erfreut, wird auch auf Hundeplätzen über dieses Thema „gefachsimpelt“. Kannst du den Einfluss von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin und GABA (Gamma-Aminobuttersäure) auf das Aggressionsverhalten des Hundes so erklären, dass es auch Nicht-Wissenschaftler verstehen?

Dr. Esther Schalke: Man kann noch nicht einmal sagen, ein Neurotransmitter löst immer das eine oder andere aus. Nehmen wir mal Dopamin, da gibt es fünf verschiedene Rezeptorarten an den Gehirnzellen und je nachdem, in welchem Gehirnareal du bist, gibt es dann Rezeptoren der einen und der anderen Art und in einen Fall hemmt es mal, im anderen aktiviert es. 

Von daher gibt es keine allgemeingültige Antwort. GABA ist zum Beispiel relativ „einfach“. Das ist der hemmende Neurotransmitter im Gehirn. Also immer da, wo die Nachfolgezelle gehemmt wird, hat die Vorläuferzelle vor allem GABA ausgeschüttet. Bei Glutamat ist es genau anders herum, das ist der aktivierende Neurotransmitter im Gehirn. 

Fussarbeit mit Freude

Wo wir ja im Moment so viele Diskussionen drüber haben, das sind Dopamin und Serotonin. Vereinfacht gesagt, erhöht Dopamin die Aufmerksamkeit. Überall da, wo du aufmerksam oder wachsam bist, is

t Dopamin ganz stark beteiligt. In bestimmten Gehirnarealen ist es zuständig für die Motorik. Parkinson ist die bekannteste Krankheit. Das passiert, wenn du Dopaminmangel hast. Die Patienten kriegen dadurch diese Schüttellähme. 

Aber Dopamin ist auch in bestimmten Gehirnarealen zuständig für das Belohnungsgefühl. Das heißt überall da, wo du mit Belohnung arbeitest - denn es gibt ja diese Diskussion, da muss ich diesen oder jenen Neurotransmitter ausschütten – also, der wird ausgeschüttet, wenn das Tier sich belohnt fühlt. Das war schon immer so. 

Da, wo du im Ausdrucksverhalten siehst, das dass Tier ein freudiges, lustbetontes Verhalten zeigt, wird Dopamin ausgeschüttet. 

Und Serotonin ist am bekanntesten als stimmungsaufhellender Neurotransmitter. Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, wenn der Serotoninspiegel beim Hund sinkt, dann kriegt er schlechte Laune.

 

Das ist ja beim Menschen auch der Grund für Depressionen.

Dr. Esther Schalke: Unter anderem, genau! Für Serotonin gibt es zurzeit 13 bekannte Rezeptorarten. Ein paar Sachen wissen wir, zum Beispiel, dass Dopamin in Kombination mit Noradrenalin zu Denkblockaden unter Belastung führt. Also, wenn du das Tier belastest. Das ist auch das, was Hans vorhin meinte mit: Wenn du ein technisches Verhalten beibringen willst, ist es wenig sinnvoll, das Tier ins Aggressionsverhalten zu bringen und es zu belasten. 

 

 

Weil dadurch das Lernverhalten blockiert wird?

Dr. Esther Schalke: Ja, vor allem die Transferleistung, die wir ja eigentlich haben wollen, dass das Tier sagt, das Verhalten, das gerade eben die Strategie war, ist leicht zu transferieren für andere Situationen oder für die nächste Übung. So was ist schon allgemeingültig. Aber dieser große Hype, den das im Moment auslöst ... 

Wir können auf dem Hundeplatz keine Dopamin- oder Noradrenalinkonzentration messen, aber wir können Ausdrucksverhalten lesen. 

Emotionen, die natürlich biochemisch von den Neurotransmittern im Gehirn aktiviert werden, spiegeln sich im Ausdrucksverhalten wider. 

Und deshalb halte ich es für wicht

iger für uns als Sportler, dass wir uns mit dem Thema Ausdrucksverhalten und den zugrundeliegenden Emotionen beschäftigen, als genau zu wissen, das war jetzt Dopamin im Nukleus accumbens zum Beispiel, weil es in diesem Bereich zuständig für Belohnung ist. Das ist interessant für uns als Neurobiologen. Das wird uns auch sicherlich in vielen Bereichen noch sehr weit führen, aber es ist für uns auf dem Hundeplatz nicht der entscheidende Faktor. Wer Ausdrucksverhalten lesen kann, ist im Sport auf der sicheren Seite.

 

Was für einen Einfluss hat Testosteron auf das Aggressionsverhalten?

Dr. Esther Schalke: Das ist eine spannende Frage. So richtig genau wissen wir es nicht für den Hund. Es gibt viele sogenannte Questionaires, also Untersuchungen, die auf Fragebögen basieren. Das sind für mich, als jemand, der eine Zeit lang in der Wissenschaft gearbeitet hat, immer eine der – ich sag es jetzt mal etwas böshaft – Formen von Forschung, um Publizieren zu können, die aber eine sehr geringe Forschungsaufgabe haben. Weil du jemanden sehr darüber beeinflussen kannst, je nachdem, wie du die Fragen stellst. Aber angenommen, du hast das alles gut gemacht, dann hat es auch noch etwas damit zu tun, wem du diesen Fragebogen gibst. 

Jetzt nehmen wir mal an, du gibst ihn einer Hundebesitzergruppe, die haben alle ihre Hunde kastriert, weil sie Aggressionsprobleme mit ihrem Hund hatten und es ist hinterher – warum auch immer – besser geworden. Die haben ja auch trainiert. Dann werden sie den Fragebogen immer so ausfüllen, dass es eindeutig einen Zusammenhang mit der Kastration gab. 

Wenn du es seriös machen willst, müsstest du zwei Gruppen haben. Du nimmst die gleiche Rasse, die gleiche Problematik, die gleiche Ursache, also Emotion für das Aggressionsverhalten, dann kastrierst du die eine Gruppe und die andere kastrierst du nicht. Mit beiden Gruppen machst du keine Verhaltenstherapie und schaust dann, ob es trotzdem eine Verbesserung gibt. Aber diese Studie gibt es nicht. Deshalb ist es bisher nur ein Verdacht, dass Testosteron das Aggressionsverhalten fördert. Was wir sehen ist, dass es eher männliche Tiere sind, die diesen Konflikt suchen. Wobei das natürlich auch mit dem Fortpflanzungsverhalten zu tun hat. 

Wenn du sozusagen deine Konkurrenten ausschalten musst, ist das eine Strategie. Wenn du hingegen den Nachwuchs großziehen musst, ist es besser, im Sozialverband etwas herzustellen. Aber dann spielen natürlich auch noch andere Parameter eine Rolle. Wann ist das Gehirn denn testosteronisiert worden? Wann hat sich das Verhalten etabliert? Zu welchem Zeitpunkt kastrierst du? Da sind wir so am Anfang der Forschung, dass ich es für gewagt halte, da jetzt schon eine klare Aussage zu machen. 

 

Jagdverhalten ist selbstbelohnend

Ist Aggression selbstbelohnend?

Dr. Esther Schalke: Nein, Aggression ist nicht selbstbelohnend. Jagdverhalten ist selbstbelohnend. Aggressionsverhalten hat die Belohnung im Erfolg und der Erfolg ist immer eine Distanzvergrößerung, sobald es sich um defensives Aggressionsverhalten handelt. 

 

Und wie ist es mit der Aussage, die man auch oft auf Hundeplätzen hört, Aggression potenziert sich am Verhalten selbst?

Dr. Esther Schalke: Wenn der Hund mit seinem Aggressionsverhalten keine Wirkung beim Gegenüber erzielt, können zwei Dinge passieren: Er switched in seiner Strategie und "sagt" Aggression funktioniert hier nicht, dann würde er ins  FREEZE,  FLIGHT oder  FLIRT/FIDDLE gehen. 

Es könnte aber auch sein, dass er in der Eskalationsstufe einen Schritt weiter geht und "sagt", also wenn ich noch eine Schüppe drauf packe, vielleicht funktioniert es dann. Aber das weißt du immer erst dann, wenn es passiert. Hat sich das Tier entschieden eine andere Strategie zu probieren oder rutscht es in den sogenannten EXTINCTION BURST. Das hat jetzt zweimal funktioniert, ich probiere beim dritten Mal ein bisschen mehr. Wenn das Gegenüber dann darauf reagiert, wird der Hund dieses Niveau beim nächsten Mal wieder ausprobieren.

 

Also gibt es eine Art Gewohnheit?

Dr. Esther Schalke: Eine erlernte Lösungsstrategie. Das lerntheoretische Gesetz dahinter nennt sich „matching law“. 

Das "matching law" besagt, dass man genau ausrechnen kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Lebewesen – auch wir Menschen – in einer spezifischen Situation auf welche Lösungsstrategie zurückgreifen wird. 

Das hat immer was damit zu tun, wie erfolgreich diese Strategie in der Vergangenheit war. Jetzt nehmen wir mal an, dich belastet jemand und du hast zu 40% den Konflikt mit Aggressionsverhalten lösen können und zu 60% dadurch, dass du ausgewichen bist. Dann wirst du beim nächsten Mal, wenn du in diese Situation kommst, mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% zuerst FLIGHT ausprobieren, weil es in der Vergangenheit das erfolgreichere Verhalten war. Es ist genau berechenbar: wie häufig hat das Tier in dem Konflikt gestanden und wie häufig war welche Lösungsstrategie erfolgreich.

 

Lösungsstrategie: BeschwichtigenWas wäre die beste Prophylaxe, wenn ich Aggressionsprobleme verhindern will? Sozialisation?

Dr. Esther Schalke: Sozialisation ist wichtig, aber es ist keine ausschließliche Prophylaxe. Du hast Tiere, die sind schlecht sozialisiert, machen das aber trotzdem nie. Und es gibt Tiere, die sind super sozialisiert, die kommen dann trotzdem in diese Situation. Erst mal ist Aggressionsverhalten ja nichts Schlechtes, sondern Aggressionsverhalten ist eine von vier Strategien einen Konflikt zu lösen. Und es heißt auch nicht, nur weil der Hund es einmal gemacht hat, hast du sofort ein Problem. Es passiert ja nicht zwangsläufig beim nächsten Mal wieder. Das ist das, was ich mit dem "matching law" meine. Deshalb bin ich da etwas entspannter, als unsere Gesellschaft im Allgemeinen, wenn es um Aggressionen geht. 

Um mit seinem Hund keine Probleme in der Gesellschaft zu haben, ist ein gutes Training das Wichtigste. Nicht nur in der Sozialisationsphase, sondern auch danach. Und natürlich muss ich in der Lage sein, am Ausdrucksverhalten zu erkennen, ob mein Tier einen Konflikt hat. Der Hund, der sich z. B. verspannt und im FREEZE ist, kann morgen sagen, Freese nutzt mir nichts mehr und dann zu einer anderen Strategie wechseln. 

Hans Ebbers: Wenn du dir mal kleine Hunderassen anschaust, wie oft die Aggressionsverhalten wählen – die sind natürlich schön einfach zu handhaben, weil du sie einfach hochnehmen oder wegziehen kannst – aber bei denen sieht man oft ein massives Aggressionsproblem. Beim großen Hund fällt das natürlich viel mehr ins Gewicht. Aber um jetzt bei den Emotionen zu bleiben ... Der Kleine hat genauso viel Stress, wie ein Großer!

Dr. Esther Schalke: Das ist immer „behandlungswürdig“, sobald das Tier dauerhaft einer Belastung ausgesetzt ist. Eine einmalige Belastung stecken wir alle ganz gut weg. Aber wenn es erheblich wird, durch die Dauer der Belastung und die Intensität, dann ist es egal, ob es ein kleiner oder großer Hund ist. Dann sollte man dringend etwas unternehmen, damit es dem Tier besser geht. Ich bin aber nicht der Meinung, dass wir zunehmend Hunde mit Aggressionsproblemen haben. Das ist sicherlich auch eine heiß gemachte Diskussion, die teilweise überbewertet wird.

 

Weil es auch um die Interessen derer geht, die daran verdienen wollen?

Dr. Esther Schalke: Ja, was wir aber auch haben, ist eine zunehmend naivere Vorstellung von Natur. 

Hans Ebbers: Kühe sind lila! Und die Eier kommen vom Osterhasen.

Dr. Esther Schalke: Und daraus ergeben sich Situationen, wo du als jemand, der viel mit Hunden zu tun hat, sagst, das war doch klar, dass das jetzt in die Hose geht. Aber was wir auch haben, ist immer weniger Leute nehmen Rücksicht auf andere. Wenn ich jemanden bitte, seinen Hund anzuleinen, dann will ich nicht darüber diskutieren, aber das machen reichlich Hundebesitzer. Dein Schätzchen fällt nicht tot um, wenn es jetzt mal zwei Minuten an der Leine gehen muss. Da sind Hundebesitzer in der Eigenverantwortung, etwas rücksichtsvoller zu sein. Ich sag dir, wenn das so wäre, dann wären auch 90% unserer Verhaltensprobleme nicht mehr da.

 

Haben denn Deiner Meinung nach Hunde genügend Möglichkeiten Konflikte auszutragen? Kommentkämpfe halten die meisten Leute nicht aus und versuchen, dass dann abzubrechen, wenn sie es irgendwie können. 

Dr. Esther Schalke: Für mich ergibt sich gerade die Frage: gibt es eine Notwendigkeit dafür? Also wenn ich einen Hund treffe, den mein Hund gar nicht kennt, warum sollte der dann mit dem was ausmachen?! Wir haben jetzt vier Hunde zu Hause, eigentlich fünf, aber der eine ist fast immer beim Sohn, natürlich streiten die sich schon mal um was. Unsere Hunde sind alle gut sozialisiert, die kennen alle die Spielregeln. Natürlich gibt es auch manchmal Situationen, wo ich sage, jetzt ist aber mal Schluss hier, aber oft mische ich mich nicht ein, denn die müssen zusammen in der Gruppe leben. 

Unsere Hunde kenne ich gut, da weiß ich, wie das abläuft, aber auf der Straße, muss ich ganz ehrlich sagen, gehöre ich zu den Konfliktvermeidern. Nimmt das ab in unserer Gesellschaft, dass Hunde sich auch mal streiten dürfen?

Hans Ebbers: Kommt immer drauf an, wie das Ergebnis nachher ist. Es gibt viele, die sagen, die machen das schon untereinander aus, aber ist das Ergebnis anders als gewünscht, laufen sie zum Ordnungsamt und dann heißt es, du hast einen bissigen Hund.

 

Würdest Du Hundesportlern raten, als Prophylaxe für innerartliche Aggressionsprobleme, eine Welpenschule zu besuchen? Viele haben da ja Vorbehalte.

Dr. Esther Schalke: Das sind alte Zöpfe, die auch die Hundesportler langsam abschneiden sollten. Wir sind mit unseren Hunden in eine Welpengruppe gegangen, obwohl wir ja ein Rudel zuhause haben, aber für den Sozialkontakt ist es wichtig, dass Welpen auch Gleichaltrige treffen. Und am besten eben nicht mit Hunden aus der eigenen Rasse. Ein Schäferhund ist an Schäferhunde schon sozialisiert. 

Man muss natürlich darauf achten, in welche Welpenschule man geht. Viele Gruppen sind zu groß. Vier bis fünf Welpen, mehr würde ich nicht nehmen. Dann ist es wichtig, das richtige Maß zu finden, wie viel dürfen die Hunde sich untereinander streiten. Da gibt es manchmal Prügelknaben, da denkst du, der lernt hier nur Unsinn, nämlich dass er ein absoluter Looser ist. Und dann gibt es das andere Extrem, diese panische Angst, wenn die sich mal ganz kurz haben, wo jede Möglichkeit zum Streit sofort unterbunden wird. Beides ist nicht gut. Es hängt auch hier wieder von der Qualität des Trainers ab. 

Als Hundesportler würde ich aber auch noch auf einige andere Dinge achten. Es gibt zum Beispiel Hundetrainer, die bringen den Welpen zuallererst Sitz bei. Wo ich dann immer denke, für den Sport ist das nicht schlau, weil du hinterher das Steh brauchst. Alle Welpen bieten Steh spontan an. Ich würde also immer zuerst am Steh arbeiten, das unter Signalkontrolle bringen und dann mit dem Sitz weitermachen. Ich würde meinem Hund auch nicht beibringen, sich immer passiv hinzusetzen, wenn ich einen aktiven Hund im Sport haben möchte. 

Welpenspielgruppe

Dann fällt mir noch etwas ein, was für Rassen mit einem hohen Temperament, wie es unsere Gebrauchshunde haben, wichtig ist, auch gerade, wenn es um Prophylaxe für Aggressionsprobleme geht. Was du ja eigentlich willst, ist eine Umweltgewöhnung. Per Definition ist Habituation, der Hund sieht den Reiz und der Reiz hat keine oder nur eine geringe Bedeutung und deshalb hat er im späteren Leben keine oder nur eine geringe Bedeutung. 

Was du ganz häufig in den Welpengruppen siehst, ist, dass alles futter-assoziiert wird. Die gehen über einen Holzbalken und kriegen dafür eine Belohnung, die laufen eine Treppe hoch und kriegen dafür eine Belohnung. Das ist assoziatives Lernen. Ein Hund, der eine Assoziation gemacht hat, dass Umweltreize immer für Belohnung stehen, geht in die Umwelt und hat eine wesentlich höhere Erwartungshaltung. Das heißt, das Grunderregungsniveau dieses Hundes ist höher, als bei einem Hund, der wirklich habituiert wurde. 

Wenn du ein höheres Grundniveau an Erregung hast, dann summieren sich Stressoren im Alltag auf und der Punkt, wo die Reizschwelle überschritten ist, ist natürlich viel schneller erreicht. 

Und deshalb musst du in einer Welpengruppe darauf achten, wenn du einen Hund aus einer temperamentvollen Rasse hast, dass er wirklich habituiert wird und nicht alle Reize mit einer Belohnung assoziiert werden. Das ist gut gemeint, aber extrem schlecht gemacht!

 

Der Halter hat ja auch eine bestimmte Erwartungshaltung, wenn er in eine Welpenschule geht. Er möchte, dass sein Welpe da anständig bespaßt wird. Da kommen die Hunde auf den Platz, Leinen ab und sie können sofort toben und spielen. 

Dr. Esther Schalke: Ja, der Welpe lernt, dass es aufregend ist, Artgenossen zu treffen. Und das sind nachher die Hunde, wo dir die Besitzer zurufen „der tut nix“, was ja immer bedeutet, „ich krieg ihn nicht mehr zurück“.

 

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch und die offenen Worte.

 

 

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