Nicht immer ist das andere Ende der Leine schuld!

Frau Dr. Riemer ist ein Hundemensch mit Leib und Seele. Das verrät nicht nur ihre Vita, sondern auch die Begeisterung in ihrer Stimme, wenn sie über eines ihrer Lieblingsthemen spricht. So ließ sie sich bereitwillig zur Persönlichkeitsentwicklung von Hunden ausquetschen.

Wie entwickelt sich die Persönlichkeit eines Hundes?

Dr. Riemer: Die Persönlichkeit entwickelt sich aus einem Zusammenspiel von Genetik, Umwelt und Epigenetik. Das fängt schon mit vorgeburtlichen Einflüssen an, wie Stress und Ernährungszustand der Mutter. Dann haben natürlich die ersten Lebenswochen und insbesondere die Sozialisierungsphase einen großen Einfluss. Der Welpe gewöhnt sich in dem Alter besonders leicht an verschiedene Reize und kann auf diese Weise stressresistenter werden. 

Aber es ist auch eine sensible Phase. Negative Erlebnisse können in dieser Zeit langfristige Auswirkungen haben. 

Eine weitere wichtige Phase für die Entwicklung der Persönlichkeit ist die Adoleszenz (Phase des Heranwachsens). Sie beginnt mit der späten Kindheit und endet mit dem Erwachsensein. Über die Adoleszenz-Phase bei Hunden gibt es bisher nur wenig Literatur, aber nach allem, was wir durch Studien bei anderen Tierarten wissen, kann man davon ausgehen, dass in dieser Zeit wichtige Weichen für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gestellt werden. 

Und dann ist die Entwicklung der Persönlichkeit abgeschlossen? Oder verändert sie sich immer weiter?

Dr. Riemer: Ab einem Alter von sechs Monaten ist die Persönlichkeit relativ stabil. Aber man darf sich nicht darauf ausruhen, dass man seinen Welpen gut sozialisiert hat. Man muss das natürlich auch nach der Sozialisierungsphase weiter betreiben. Es wird durchaus viel von der Umwelt beeinflusst.

Man merkt das ja auch daran, wie sehr man zum Beispiel einen ängstlichen Hund durch Training verändern kann. Das wäre nicht möglich, wenn die Persönlichkeit ausschließlich auf Genetik basieren würde. 

Dr. Riemer: Genau! Zum einen denke ich, kann man viel verändern, aber ich finde die Aussage, es ist immer das andere Ende der Leine schuld, nicht gut. Es gibt schon auch Prädispositionen und gewisse Limits, die entweder genetisch gegeben sind oder vielleicht hatte der Hund irgendein Trauma, das im Zusammenspiel mit seinen Genen nicht mehr aufzulösen ist. Ich denke nicht, dass man jeden Hund zum perfekten Familienhund machen kann. Und man sollte auch nicht die Schuld immer den Besitzern zuschieben.

Welchen Einfluss hat die Genetik auf die Entwicklung der Persönlichkeit?

Dr. Riemer: Studien haben ergeben, dass innerhalb der Rassen relativ wenig von der Varianz in der Persönlichkeit durch die Gene erklärt wird. Meistens sind es nicht mehr als 15%. Wenn ich jetzt Hunde miteinander verpaaren möchte, weil sie eine wünschenswerte Persönlichkeit haben, dann kann es sein, dass gar nicht die Gene, sondern eine sehr gute Aufzucht für die tollen Verhaltenseigenschaften verantwortlich waren. Die Gene haben natürlich einen wichtigen Einfluss, aber die Umweltbedingungen eben auch. Es ist nicht so leicht, gezielt auf Verhalten zu selektieren. 

Das ist ja eines der Probleme von Zuchttauglichkeitsprüfungen. Was ist erlerntes Verhalten und was ist genetisch bedingt?

Dr. Riemer: Das kann man im Prinzip nicht auseinanderhalten. In der Wissenschaft gibt es den sogenannten Heritabilitätsquotienten. Er gibt an, wieviel Prozent von der Variation in einer Persönlichkeitseigenschaft durch Variationen in den Genen bedingt sind. Es ist ziemlich komplex. Man kann das nur auf die Population anwenden. Man kann nicht sagen, bei einem bestimmten Hund sind 40% Gene und 60% Umwelt. Das ist immer relativ zur Gesamtpopulation und das hängt zum einen davon ab, wieviel Variationen gibt es in den Genen und wieviel Variationen gibt es in der Umwelt. Wenn ich jetzt Labormäuse hätte, die alle genetisch identisch sind und trotzdem gibt es Verhaltensunterschiede, dann müssen diese zu 100% umweltbedingt sein. Genauso ist es mit den Hunderassen. Innerhalb der Rasse gibt es relativ wenig genetische Variation und demnach ergibt sich ein relativ hoher Anteil durch die Variation in den Umweltbedingungen. Wenn man sich aber Persönlichkeitsunterschiede zwischen verschiedenen Rassen anschaut, dann sind die Heritabilitätsquotienten viel höher. Dann kriegt man bis zu 70% Heritabilität raus.

Welchen Einfluss hat die Mutterhündin? Sie haben ja bereits angedeutet, es gibt sogar vorgeburtliche Einflüsse. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es im Mutterleib bessere und schlechtere Plätze gibt. Der eine Fötus also mehr Hormone, Nährstoffe etc. bekommt als der andere…

Dr. Riemer: Ja, genau. Wenn die Mutter sehr gestresst ist, dann produziert sie viele Stresshormone, die auch an den Nachwuchs weitergegeben werden. Das verändert dann die Gehirnentwicklung der Föten, was eigentlich adaptiv ist, weil wenn die Mutter sozusagen in einer sehr gefährlichen Umwelt lebt und entsprechend oft gestresst ist, muss sich der Nachwuchs auch auf eine gefährliche Umwelt vorbereiten. Dementsprechend reagieren diese Welpen stärker auf alle möglichen Stressoren. 

Denn wenn man in einer gefährlichen Umwelt lebt, sollte man lieber übervorsichtig sein als zu draufgängerisch. 

Auch die Fürsorglichkeit der Mutter hat einen Einfluss. Es scheint so zu sein, dass eine höhere Fürsorge bis zu einem gewissen Grad dienlich ist. Anscheinend wirkt sich das positiv auf die spätere Stresstoleranz aus. Es gab allerdings auch eine spannende Studie, die aufgezeigt hat, dass es gut ist, wenn der Welpe ab einem gewissen Alter kleine Hindernisse überwinden muss. 

In dieser Studie ging es um Blindenführhunde. Es wurde unter anderem ausgewertet, ob die Mutter im Liegen oder im Stehen säugt. Im Liegen haben die Welpen die Futterbar quasi vor sich, im Stehen hingegen müssen sie sich ein bisschen anstrengen, um ihr Ziel zu erreichen. In der Studie hat sich gezeigt, dass Welpen, die im Stehen gesäugt wurden, später besser abgeschnitten haben. Eine Hypothese dazu ist, dass sie schon im jungen Alter lernen mussten, eben diese Schwierigkeiten zu überwinden, was sich positiv ausgewirkt hat.

Welchen Einfluss haben Züchter und Hundebesitzer auf die Persönlichkeit des Hundes?

Dr. Riemer: Der Züchter kann in den ersten Lebenswochen sehr viel machen. Gerade auch weil es in der Sozialisierungsphase, die ja schon mit drei bis vier Wochen beginnt, total leicht ist, die Hunde an alles Mögliche zu gewöhnen. Da reicht es manchmal schon, wenn sie einige Dinge einmal für wenige Minuten kennenlernen. Früher hat man ja gemeint, es sei eine kritische Phase und was man da verpasst hat, kann man nie wieder aufholen. Heute sieht man das etwas lockerer, aber es erfordert später sehr viel mehr Arbeit.Es gab auch eine Studie, da hat man geschaut, in welchem Alter die Welpen vom Züchter abgegeben wurden und wie sich das auf Verhaltensprobleme ausgewirkt hat. Interessanterweise war das optimale Abgabealter acht Wochen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass der Züchter dem einzelnen Welpen nicht soviel Aufmerksamkeit und Beschäftigung bieten kann, wie es der neue Besitzer in der Regel tut. Wahrscheinlich haben die Welpen davon profitiert, auch weil sie in eine neue Umgebung gekommen sind und neue Sozialisationserfahrungen gemacht haben. 

Was man auch beachten muss ist, dass sich unterschiedliche Rassen unterschiedlich schnell entwickeln. Manche entwickeln auch Angstreaktionen sehr viel früher als andere. Und die haben dann auch weniger Zeit, sich an alle möglichen Reize zu gewöhnen und sind dann im Erwachsenenalter auch tendenziell vorsichtiger oder ängstlicher.

Welche Rolle spielen eine gute Sozialisation und Habituation?

Dr. Riemer: Beides ist selbstverständlich wichtig und nötig. In den ersten Lebenswochen habituieren die Hunde sehr leicht. Aber ich würde mich dennoch nicht nur auf die Habituation verlassen, wenn ich jetzt einen Welpen hätte. Ich würde zusätzlich die Reize positiv verknüpfen, also quasi gleich eine Gegenkonditionierung mit nutzen.  

Man kann also die Gegenkonditionierung als Prophylaxe einsetzen?

Dr. Riemer: Ja, davon bin ich überzeugt. Ich habe eine Studie dazu, die ich hoffentlich demnächst einreichen kann. Da geht es um Angst vor Feuerwerk. Es hat sich herausgestellt, dass es ein Vorteil war, wenn die Besitzer mit ihren Welpen bereits laute Geräusche trainiert haben. Und da war die Gegenkonditionierung am erfolgreichsten. Indem man den Welpen nicht nur dem Reiz aussetzt, sondern diesen direkt mit Futter positiv verknüpft, kann man spätere Ängste sehr gut verhindern. 

Geht das auch mit Geräusche-CDs? Oder braucht man tatsächliche Gewitter oder Feuerwerke, damit die Gegenkonditionierung funktioniert?

Dr. Riemer: Das ist eine sehr gute Frage. Da gibt es zwei Studien, wo das mit sehr jungen Welpen gemacht wurde. Generell scheinen Geräusche-CDs, wenn ein Hund schon eine Gewitterangst hat, nur bedingt hilfreich zu sein. Ich würde, immer wenn irgendetwas runterfällt oder irgendetwas knallt, etwas Positives folgen lassen. Wenn beim Züchter schon die Geräusche vorgespielt werden, dann ist das sicherlich sinnvoll. Reine CDs können bei Gewitter jedoch nicht alles abbilden, was den Reiz ausmacht. Generell ist es so, wenn ein Hund lernt, dass Überraschungen etwas Positives sind, dann wird er, wenn er mit einem Reiz konfrontiert wird, den er nicht kennt, auch eher positiv reagieren, als wenn er neutrale oder negative Erfahrungen mit neuen Dingen gemacht hat. 

Wie stark bestimmt die Rasse eines Hundes seine Persönlichkeit?

Dr. Riemer: Es gibt natürlich Unterschiede in der Persönlichkeit bei verschiedenen Rassen. Im Durchschnitt wird ein gewisser Rassevertreter andere Werte haben bei gewissen Eigenschaften als andere. Aber man muss natürlich bedenken, dass es auch innerhalb der Rasse eine extrem große Bandbreite gibt. Es kommt immer auf das Individuum an. 

Sind einzelne Persönlichkeitsmerkmale vererbbar? Wenn ja, welche? Sie hatten schon gesagt, es sind nur 15%, die überhaupt ins Spiel kommen.

Dr. Riemer: Ja, maximal (innerhalb einer Rasse), teilweise sind es sogar nur 9 %. Prinzipiell haben alle Persönlichkeitsmerkmale eine genetische Komponente. Es scheint so zu sein, dass manche stärker beeinflusst wurden durch Variationen in den Genen, aber ob das jetzt wirklich aufgrund dieser Merkmale ist oder ob das vielleicht auch daran liegt, dass wir manche Persönlichkeitseigenschaften besser und verlässlicher messen können als andere, kann man nicht genau sagen. 

 Wenn ich an den Hundesport denke, dann möchte man gerne einen Hund haben, der eine hohe Arbeitsbereitschaft mitbringt. Wie ist das damit?

Dr. Riemer: Es gibt eine Studie, die hat gezeigt, dass Jagdverhalten oder etwas nachzujagen – es muss nicht unbedingt in Bezug auf Wild sein – im Vergleich zu vielen anderen Eigenschaften eine ziemlich hohe Heritabilität zu haben scheint. 

Das hätte ja dann auch Einfluss auf den Bereich der Beutespiele, die viel im Sport als Belohnung eingesetzt werden.

Dr. Riemer: Ja. Absolut.

Das heißt, das ist eine Eigenschaft, die man sich im Rahmen einer ZTP (Zuchttauglichkeitsprüfungen) anschauen sollte? Um dann zu sagen, dieser Hund hat eine hohe Motivation im Jagdverhalten, also macht es Sinn, den in die Zucht zu nehmen. 

Dr. Riemer: Ich denke schon. Wenn man darauf selektieren will, ist das einer der aussagekräftigen Tests. Das ist ja auch eines der Ergebnisse der Studie von Svartberg. Der hatte seine fünf Personality-Traits, eine davon war „chasing“. Da ging es nicht um das Beutespiel, sondern da wurde etwas schnell weggezogen. Und da hat sich im Fragebogen herausgestellt, dass „chasing“ gar nicht mit Jagdverhalten korreliert, sondern mit Spielmotivation. 

Geben ZTPs der Gebrauchshundezuchtvereine wie z.B. die DMC Körung Aufschluss über die Persönlichkeit?

Dr. Riemer: Ich habe mir ein Video angeschaut. Ich bin natürlich keine Expertin für diese Tests, aber prinzipiell finde ich es gut, wenn auf Verhalten selektiert wird, was in der Hundezucht viel mehr der Fall sein sollte. Dieser Test misst definitiv die Stresstoleranz des Hundes. Das, finde ich, ist eine der wichtigsten Eigenschaften überhaupt, auf die man selektieren sollte. Nicht nur bei Gebrauchshunderassen. Da ist es eine der wichtigsten Eigenschaften, wenn der Hund in Wettkämpfen bestehen soll. 

Aber auch ganz allgemein für das Wohlbefinden des Hundes, sollte jeder Hund, egal welcherer Rasse auf eine gute Stresstoleranz selektiert werden. Beispielsweise der Rassezuchtverein für Hovawart-Hunde hat sich an dem schwedischen Test orientiert. 

Dr. Riemer: Das finde ich sinnvoll. Der Test, den Svartberg genutzt hat, ist ja wissenschaftlich fundiert. Finde ich gut, wenn darauf zurückgegriffen wird und nicht jeder Zuchtverein sein eigenes Süppchen kocht. Allerdings… Wenn man nur einen Test macht, darf man es eigentlich gar nicht Persönlichkeitstest nennen. Man hat zwar verschiedene Situationen getestet, aber man weiß nicht, ob das zeitlich stabil ist. Aussagekräftig wird es erst dann, wenn ich denselben Hund mindestens noch einmal teste und er dann auch ungefähr dasselbe Verhalten zeigt. Außerdem sollten mindestens zwei sachkundige Personen den Test auswerten und zu demselben Ergebnis kommen. Was Svartberg auch noch gemacht hat, das ist auch gut, er hat den Teilnehmern anschließend Fragebögen zugeschickt. Die Besitzer machten darin Angaben zu ihren Eindrücken aus dem täglichen Leben mit ihrem Hund. Die Ergebnisse waren korreliert. Wobei die Korrelation war – wenn ich mich richtig erinnere – nicht sehr hoch. Man kann gewisse Dinge ableiten, aber es ist nicht so leicht. 

Inwiefern ist die Persönlichkeit eines Hundes wichtig für eine erfolgreiche Sportkarriere? Wie sieht es zum Beispiel mit Impulskontrolle aus?

 Dr. Riemer: Da hatte ich eine Studie, wo es um Impulsivität bei Hunden ging. Das scheint eine sehr stabile Persönlichkeitseigenschaft zu sein. Ich finde den Ansatz, Impulskontrolle zu testen, sinnvoll. Ohne ausreichende Impulskontrolle ist es auf jeden Fall schwierig, mit einem Hund effektiv zu arbeiten. Was jetzt die Turniersituation betrifft, ist, wie gesagt, eine gute Stresstoleranz das Beste. 

Es gibt eine Studie von Svartberg dazu, da hat sich gezeigt, dass forsche Hunde, also die der Kategorie wagemutig, besser bei Turnieren abgeschnitten haben. Spielmotivation ist bei vielen Sportarten nützlich, aber außer bei Schutzhund und Mondioring nicht zwingend. Obedience oder Dogdance geht natürlich auch nur mit Futter als Belohnung. 

Aber natürlich ist eine gute Spielmotivation schon von Vorteil, schon alleine weil Abwechslung in der Belohnung zu einer höheren Motivation führen kann. Andererseits ist es auch die Aufgabe jedes Hundeführers, auf den Charakter seines Hundes einzugehen. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Dann kann sowohl der Draufgänger als auch der sensible Hund zum Erfolg geführt werden.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

 

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