Herzenssache

Dem Mann liegen Hunde am Herzen. Ich treffe Dr. Kresken, einen der führenden Experten im Fachbereich Kardiologie, in der Tierklinik Duisburg Kaiserberg, der er als Klinikleiter vorsteht. Darüber hinaus ist er Vorsitzender des Collegium Cardiologicum e.V. und sitzt im wissenschaftlichen Beirat des VDH. Er beantwortet bereitwillig meine Fragen. Dabei spricht er ruhig und sachlich, aber seine Bemerkungen sind an entsprechender Stelle mit Witz und Ironie gewürzt.

 

Warum hat das Herz es Ihnen so angetan?

Dr. Kresken: Das hat sich zufällig ergeben. Weil ich zu einer Zeit, als es den Ultraschall in Deutschland noch gar nicht gab, die Möglichkeit hatte, eines der ersten Geräte in der Doktorarbeit zu testen. Das war damals absolutes Neuland und da hatte ich vor 28 Jahren das Glück eine Technologie von Anfang an mitzubekommen. In Deutschland gab es weder einen Ultraschallkurs, noch eine Ausbildung an der Universität. Wir waren also damals echte Pioniere. Man konnte das Herz plötzlich schlagen sehen, wir hatten ja bis dato nur Röntgen und EKG. Es war eine ganz fantastische Möglichkeit, ein bildgebendes Verfahren zu nutzen, was einem nicht nur die Organform und Größe zeigt, sondern auch die Funktion. Die Neurologen wissen nicht, was wir denken, die Orthopäden röntgen, aber die wissen nicht, warum man humpelt, aber wir sehen im Bild, ob die Pumpe funktioniert und können damit eine unglaubliche Aussage über das Organ selber treffen. Ob es Klappenfehler hat oder der Muskel kaputt ist. Wir können aber auch sehen, wie schwer es ist und ob das Tier, auch wenn es uns nichts sagen kann, darunter schon leidet oder in Zukunft leiden wird. Und das ist einzigartig. Das geht weder beim Darm, noch bei der Niere, noch bei den Knochen. Von daher war das immer schon etwas Besonderes. 

Dr. Jan Kreskens

 

Ist es richtig, dass es erworbene, ererbte und angeborene Herzerkrankungen gibt?

Dr. Kresken: Ja, genau. Die Begriffe erworben, angeboren und erblich verstehen auch viele Tierärzte falsch. Es gibt zwei gegensätzliche Begriffe. Entweder ist es erblich oder nicht erblich. Das ist ja noch logisch. Also erblich sind meistens krumme Zähne und abstehende Ohren, nicht erblich ist ein Autounfall. Die anderen Begriffe beziehen sich auf den Zeitpunkt, an dem die Krankheit auftritt. Aber wenn ich sage, eine Krankheit ist erworben, wie zum Beispiel eine Herzmuskelerkrankung bei den großen Hunden, dann schließt das nicht aus, dass sie nicht trotzdem erblich ist. Und das ist genau der Gedankensprung, den jeder einmal machen muss, um zu verstehen, dass eine erworbene Herzerkrankung nicht gleichbedeutend mit nicht erblich ist. Und eine erbliche ist nicht gleichbedeutend mit einer angeborenen. 

 

 

Was sind die wichtigsten Herzerkrankungen bei Gebrauchshunderassen?

Dr. Kresken: Die kann man eigentlich am Alter festmachen. Wir haben die angeborenen Erkrankungen, die bei den Welpen auftauchen, also bei den Gebrauchshunden, die noch nicht im Gebrauch sind. Und da natürlich schon sehr krass sein können. Aber das häufigste Auftreten von Herzerkrankungen ist im letzten Altersdrittel. Also wenn der Hund alt wird, am Ende seines Gebrauches. Die meisten Herzerkrankungen sind Verschleißerkrankungen, der Herzklappen oder des Herzmuskels, und die treten, so sagen wir, immer im letzten Altersdrittel auf. 

Alter Spruch: vier Jahre junger Hund, vier Jahre guter Hund, vier Jahre alter Hund! 

 

Das trifft ja so für mittelgroße Hunde zu, wenn man die Alterserwartung sieht. Der alte Hund ist am häufigsten betroffen. Dann gibt es noch fürchterliche Krankheiten, die mitten im Gebrauch kommen. Der zwei Jahre alte Rottweiler, Labrador oder Dobermann, der eine Herzmuskelkrankheit bekommen kann. Die ist dann erworben, sprich, die kommt erst nach der Geburt, hat aber eine Erblichkeit. 

Kann man irgendetwas als Prophylaxe tun, um so etwas zu verhindern?

Dr. Kresken: Beim einzelnen Hund, also in der Lebenslinie des Hundes – nein! Wenn eine Erkrankung kommt, dann ist sie vorprogrammiert. Das heißt, der Hund muss schon eine Veranlagung mitbringen, dass sein Herzmuskel oder seine Herzklappe früher kaputt geht. Es gibt Ausnahmen, aber das Gros der Herzerkrankungen ist genetisch vorbestimmt. Die Verantwortung zur Vorbeugung liegt beim Züchter. Die müssen sicherstellen, dass die Elterntiere den Grundsätzen des Tierkaufrechtes und des Tierschutzgesetzes entsprechen. Als verantwortlicher Züchter darf man nur mit Hunden züchten, die nachweislich gesund sind. Das ist die Prophylaxe! Die Vorsorge ist nicht am Individuum, sondern züchterisch, linientechnisch. Wenn man jetzt das Einzeltier nimmt, dann ist es selbstverständlich so, je früher wir den Hund behandeln, umso älter wird er. DCM, also eine Dilatative Cardiomyopathie, ist eine Krankheit, die schon bei zwei-, dreijährigen Hunden auftreten kann. Und da kann man, durch die Gabe von Medikamenten, die die Rhythmusstörung beseitigen, meistens etliche Jahre rausholen.


Was bedeutet Dilatative Cardiomyopathie (DCM)?

Dr. Kresken: Dilatation ist das lateinische Wort für eine Erweiterung. Im Deutschen sagt man auch, das Herz ist „ausgeleiert“. Darunter verstehen wir ein Herz, das vergrößert ist und in der Funktion schwächer wird. Cardiomyopathie heißt übersetzt Herzmuskelkrankheit. Das steckt hinter der DCM. 

Das hört sich hochtrabend an, ist aber eigentlich ein banales Wort für ausgeleierte Pumpe. Diese Krankheit ist ganz einfach zu diagnostizieren, weil sie mit einem erhöhten Herzdurchmesser und einer reduzierten Pumpleistung einhergeht. Von daher ist die übliche Diagnostik kein Hexenwerk. 

Boxer im Hundesport

Wie häufig tritt diese Erkrankung bei Gebrauchshunderassen auf?

Dr. Kresken: Das kann man pauschal nicht beantworten. Vermutlich sehr selten. Es gibt Gebrauchshunderasse – Australian Shepherds, Border Collies, die bekommen diese Erkrankung nicht. Und auf der anderen Seite gibt es Gebrauchshunderassen, wie den Dobermann, da tritt die Krankheit häufig auf. Mit einer Wahrscheinlichkeit von über 50%, so wie in der Literatur zu lesen ist. 

Also kann man das nicht pauschalisieren. Man kann nur sagen, es gibt Rassen, die haben ein extrem hohes Risiko, diese Krankheit zu bekommen. Andere wiederum nicht. Das steht absolut fest. Da einige Rassen die DCM bekommen und andere nicht, ist das ein deutlicher Hinweis auf die Ursache: Das absolut wahrscheinlichste ist eine genetische Ursache. Es wird immer wieder von Leuten, die eine erbliche Ursache ausblenden wollen, angemerkt, die Hunde werden eventuell nur falsch gefüttert. 

Das würde ja im Umkehrschluss heißen, dass die Besitzer von Dobermännern zu blöd sind, richtig zu füttern. Und die, die einen Border Collie haben, alle clever sind. So einfach kann man sich das nicht machen. Manche Zuchtverantwortliche glauben sogar, dass die Benutzung von Elektrohalsbändern auf dem Hundeplatz eine DCM auslöst.  

 

Welche züchterischen Gegenmaßnahmen empfehlen Sie?

Dr. Kresken: Zuerst muss ich mich informieren, wenn ich eine Rasse züchten will, ob es bestimmte Krankheiten gibt, die ich zu beachten habe. Jagdhunderassen wie Deutsch Drahthaar oder Deutsch Kurzhaar haben z.B. keine DCM.  Aber andere Rassen, wie zum Beispiel der Dobermann, die haben das. Den Züchtern muss man empfehlen, die Hunde, die in die Zucht gehen sollen, regelmäßig untersuchen zu lassen. 

Eine einmalige Untersuchung würde da nicht ausreichen?

Dr. Kresken: Genau. Weil die DCM ja nicht, wie bei einer angeborenen Krankheit, vom ersten Tag des Lebens an da ist, sondern erst später im Leben auftritt. Bei anderen Krankheiten sieht das anders aus. Ich kann zum Beispiel beim Boxer die Herzerkrankung schon mit acht Wochen feststellen. Deswegen machen viele Boxerzüchter eine Welpenuntersuchung vor der Abgabe und verkaufen somit nachweislich gesunde Hunde. Da gibt es überhaupt kein Problem. Das positivste Ergebnis der ganzen Zuchtbemühungen der letzten zwanzig Jahre ist, dass der Deutsche Boxer keine herzkranke Rasse mehr ist. Das muss man auch mal sagen. Uns liegen da Ergebnisse von fast 10.000 Untersuchungen der deutschen Kardiologen aus einem Zeitraum von über neunzehn Jahren vor. Und wenn man dann sieht, wie selten ein Herzbefund, im Gegensatz zu Ende der 80er Jahre festgestellt wird, ist das schon gewaltig. 

Und therapeutisch, wenn es jetzt nun mal aufgetreten ist, was für Maßnahmen muss man dann ergreifen?

Dr. Kresken: Therapeutisch lässt sich die DCM, die zu einem Linksherzversagen führt mit Wasser in der Lunge, durch herzstärkende und entwässernde Präparate ganz gut behandeln, so dass es dem Patienten bis zum Ende recht gut geht. Aber man kann den Hund nicht heilen.

Können Sie das vielleicht noch konkretisieren, ab welchem Alter man Hündinnen und Rüden, da gibt es ja einen Unterschied aufgrund der Fertilität, in die Zucht geben sollte?

Dr. Kresken: Es gibt für jede Rasse ein recht genaues Zeitfenster, wann die DCM auftritt. Das ist bei jeder Rasse etwas anders. Generell kann man sagen, bei den Rüden tritt sie früher und heftiger in Erscheinung. Und bei den Rüden ist das zwischen dem zweiten und dem fünften Lebensjahr. Bei den Hündinnen etwa ein Jahr später. Da tauchen die ersten Fälle mit drei Jahren auf und sie können auch noch bis zu sechs Jahren erkranken. Und ihre Frage war ja, wann setze ich die Tiere am besten für die Zucht ein. 

Am besten züchtet man mit siebenjährigen Rüden und siebenjährigen Hündinnen und fängt dann erst die Zucht an. Das wäre die effektivste, einfachste und billigste Methode. Man macht eine Untersuchung mit sieben Jahren und stellt fest, ob die Krankheit vorliegt. Statistisch gesehen wären zu dem Zeitpunkt bereits über 90% der kranken Hunde entdeckt worden. Das heißt, man hat eine über 90 prozentige Sicherheit, gesunde Hunde zu züchten. 

 

Dobermann apportiertWenn man das mal über zehn Jahre so machen würde, und weiterhin die Kranken identifiziert und aussortiert, hätte man eine sehr hohe Rate an gesunden Welpen. Das Problem an diesem Vorschlag sind Fertilität und Tierschutzaspekte: Die Fruchtbarkeit ist mit sieben Jahren nicht mehr die beste und eine sieben- oder achtjährige Hündin zu belegen, kann in dem Alter auch eine Belastung für den Hund darstellen. 

Aber das ist nicht das Problem der Kardiologie, das ist das Problem der Zucht. Ich verstehe auch, dass es für die Zuchtvereine mühsam ist, ein Programm zur Bekämpfung der DCM aufzulegen. Wir haben schon Erfahrungen mit Zuchtvereinen, die das gemacht haben. Da wurde zum Beispiel im zweiten, vierten und sechsten Lebensjahr jeweils eine Herzuntersuchung gemacht. Wirklich bekämpfen kann man die DCM nur, wenn man da linientechnisch rangehen würde und die Selektion von belasteten Zuchttieren konsequent umsetzt. Aber das passiert ja nicht. 

Die Erfahrung zeigt, bei der DCM werden die Ergebnisse zwar gesammelt und das ist sehr lobenswert, aber man müsste wesentlich konsequenter dafür sorgen, dass die betroffenen Linien nicht weiter in die Zucht gehen. Das betrifft natürlich die Interessen von Züchtern. Das führt zur Verunglimpfung von Zuchtnamen. Das führt zu finanziellen Einbußen und das ist nicht gern gesehen. Ich kann das nachvollziehen. Ich bin da Realist. Ich weiß aus den Gesprächen mit den Vereinsvertretern, die für die Zucht verantwortlich sind, dass deshalb da die letzte Konsequenz in der Umsetzung fehlt. 

 

Also meinen Sie, die Rasse wäre noch zu retten.

Dr. Kresken: Ja.

Aber die Zuchtbreite würde ja immer geringer, wenn man die betroffenen Hunde alle aussortieren würde.

Dr. Kresken: Das klassische Beispiel ist die Analyse der Häufigkeit von Herzerkrankungen beim Teckel. Es gibt da verschiedene Statistiken, die liegen alle zwischen 65% und 85% Befall innerhalb der Population. Wenn ich darauf jetzt selektiere, dann hat der Dackel vermutlich in 20 Jahren weiße Flecken, eine Ringelrute und eine ganz andere Kopfform. Also nur als Beispiel. 

Jetzt ist die Zuchtbasis beim Dackel ja hoch, aber durch so eine Selektion würde sie danach genetisch gesehen so eng, dass man andere Krankheiten wieder fördern würde. Das muss man bedenken. Beim Dackel ist von Vorteil, dass man die Krankheit, die erst im letzten Lebensdrittel auftritt, ein Klappenverschleiß, der aber genetisch bedingt ist, so gut behandeln kann und die Teckel trotzdem alt werden. Ich kann die Krankheit behandeln und sie erreichen fast immer ihr normales Alter. Schlimmer ist das bei den großen Hunden. Da haben wir den plötzlichen Herztod. Und der ist vielfach nicht zu verhindern. 

Es ist also bei der DCM so, dass man ganze Linien aussortieren müsste, also auch Geschwister, die vielleicht gar nicht betroffen sind?

Dr. Kresken: Ganz ehrlich, dazu gibt es noch nicht genügend Kenntnisse, inwiefern man in die Horizontale gehen müsste. Vertikal gesehen, also wenn wir populationsgenetisch sprechen, kann man innerhalb der Ahnentafel zurückgehen und erkennen, dass in der Linie ein Problem ist. Die Linien matchen sich aber in der Mitte irgendwo immer mit anderen Linien. Durch die Verpaarung mit einer freien Linie kommt es zu einer Risikominimierung bei den Geschwistern in der Horizontalen – also in der Breite. 

Und man muss sich sehr wohl überlegen, ob es sinnvoll ist, allen Geschwistern eines befallenen Hundes gleich die Marke DCM auf den Kopf zu drücken.  

Dr. Kresken: Ich bin Kliniker, ich bin kein Statistiker. Das ist eine Frage, die ist extrem gut, die muss aber erst mal populationsgenetisch eruiert werden. Das wurde bisher noch in keiner ernsthaften Studie oder Erfassung eines Vereins geklärt. Weil es nie zu einer Aufarbeitung der Linien kommt. 

Wenn ein Verein beschließt, die Linie „vom grünen Parkplatz“, um jetzt keine Namen zu nennen, wissenschaftlich aufzuarbeiten, dann müsste man die Besitzer sämtlicher Hunde anrufen und die Krankengeschichte retrospektiv aufarbeiten. Durch die Anrufe löst man noch mal bei den Leuten Erinnerungen aus, das ist ein riesiges emotionales Feld, was da beackert wird. Aber so müsste es ablaufen. Das ist in der Kardiologie noch nie gemacht worden. 

Weil es nicht gewollt ist?

Dr. Kresken: Dazu muss ein starker Wille da sein, und die Bereitschaft Ross und Reiter zu nennen. Aber selbst dann wäre es ehrlich gesagt trotzdem schwierig. Wie kommt man an die Daten von denen, die vor 10 Jahren einen Hund aus der Linie gekauft haben? Das Ganze ist also recht illusorisch. 

Dobermann apporteritBin ich da richtig informiert, dass der Dobermannverein nie eine Pflicht für eine Untersuchung auf DCM hatte?

Dr. Kresken: Nein, das ist nicht richtig.

Gab es mal eine Pflicht?

 Dr. Kresken: Vor etwa 10 Jahren wurde ein Jahr lang jeder zur Zucht anstehende Hund untersucht. 

War das die Studie, wo fast ausschließlich junge Hunde dran teilgenommen haben?

Dr. Kresken: Genau. Das Durchschnittsalter war nicht repräsentativ. Die Erfassung wurde damals mit dem Zuchtleiter des Dobermannvereins vorbereitet. Es gab ein "Go" des Vorstandes und einen Beschluss der Mitgliederhauptversammlung. Dann haben wir nach einem Jahr eine Zwischenbilanz gezogen und die ersten Zahlen geliefert. Als Folge wurden die Untersuchungen eingestellt, denn der DV hat die Ergebnisse so interpretiert, dass die DCM keine Rolle spielen würde. 

Man hat diese Zahlen genutzt, um auf der folgenden Mitgliederhauptversammlung die Untersuchung wieder abzuschaffen. Parallel dazu hat Herr Dr. Wess von der LMU in München die Untersuchungsergebnisse von 900 oder 1000 Dobermännern gesammelt und hat seine Zahlen veröffentlicht. Diese besorgniserregenden Zahlen stehen nun im Raum. Ob diese auch für die Zuchtpopulation der Dobermänner des DV gelten, ist aus meiner Sicht fraglich. Es war ein Fehler die Untersuchung damals zu beenden, weil nun eigene Zahlen fehlen. 

Jetzt haben sie gerade das Stichwort Collegium Cardiologicum genannt. Was ist das genau und welche Aufgabe hat das Collegium Cardiologicum?

Dr. Kresken: Der Name steht für eine Untersuchergruppe, die sich aus den Kardiologen in Deutschland zusammensetzt und das sind alle in Deutschland, die auch Zuchtuntersuchungen anbieten. Da es diese speziellen Fragestellungen in der zuchtrelevanten Kardiologie an keiner Uni zu lernen gibt, haben wir ein Ausbildungsprogramm aufgelegt, haben uns den Sachfragen gestellt und haben eine Prüfung eingeführt. Jeder, der Mitglied wird, muss neben einer theoretischen auch eine praktische Prüfung machen. Das ist die einzige kardiologische Prüfung mit praktischer Prüfung.

Im VDH gibt es ja schon länger eine Augenuntersuchergruppe, den DOK, und den Hohenheimer Kreis heute GRSK, die HD- und ED- Röntgenaufnahmen auswerten. Bei den Kardiologen gab es vor 2003 kein gemeinsames Vorgehen. Der VDH hat aus Gründen der Qualitätssicherung für den Verbraucher, weil es so viele Probleme mit unterschiedlichen Ergebnissen gab, vor 20 Jahren beschlossen, eine Zertifizierung dieser kardiologisch tätigen Tierärzte einzuführen. Das ist damals ganz einfach aus der Not geboren gewesen, weil es keine einheitliche Bewertung gab. Das war aber nur der Tatsache geschuldet, weil es keine übergeordnete Instanz gab, die gesagt hat, was ist normal und was ist nicht normal. Das konnte jeder für sich selbst entscheiden. Das ist mittlerweile abgeschafft. 

Aus der schon bestehenden Fachgruppe Kardiologie in der Deutschen Tierärztlichen Gesellschaft haben wir mit dem Collegium Cardiologicum einen eigenen Verein gegründet, wo mittlerweile fast alle geprüften Kardiologen in Deutschland Mitglied sind. Es gibt ja nicht viele, die eine von der Tierärztekammer anerkannte Berufsbezeichnung „Kardiologe“ führen dürfen. 

Eine kardiologische Untersuchung kann jeder Tierarzt in seiner Praxis anbieten, dazu muss er sich nur ein Gerät kaufen. Es ist aber nicht so, dass dann die Kenntnisse vorhanden sind, einen Boxer so zu untersuchen, dass man dem Züchter eine Expertise geben kann, ob der Hund für die Zucht tauglich ist oder nicht. 

 

Und da das juristisch so relevant ist, entwickelte man einheitliche Standards, diese wurden in jahrelanger Kleinarbeit ausgearbeitet, damit wir alle mit einem Gutachten auch nicht auf die Klappe fallen. 

Sie sind auch im wissenschaftlichen Beirat des VDH tätig. Was ist da ihre Aufgabe?

Dr. Kresken: Der wissenschaftliche Beirat des VDHs ist eine unabhängige, zweimal jährliche Zusammenkunft von festen Mitgliedern, die die verschiedenen Fachrichtungen in der Tiermedizin repräsentieren. Wir haben 13 Mitglieder im engeren Beirat. Zweimal im Jahr beantworten wir die Fragen der Einzelvereine, die uns über den Dachverband VDH zugetragen werden. Da gibt es viele Fragen aus allen Bereichen der Tiergesundheit. Es gibt unheimlich viele Fragen im Gesundheitsbereich und wir sind die zentrale Ansprechstelle. Wir beantworten diese völlig unabhängig und geben den Vereinen so den wissenschaftlichen Background. Ich mache den Teil für die Kardiologie. Ich bin da also nur ein kleines Rad am Wagen, aber insgesamt sind es viele kleine Räder, die sehr effektiv zusammenarbeiten. Und ich denke, das ist mit Sicherheit die unabhängigste und beste Beratung, die ein Verein zu Gesundheitsfragen bekommen kann. Wir können völlig unabhängig beraten, wie man z. B. mit Qualzucht umgeht und was man mit kurzen Nasen, mit schwer atmenden Hunden macht. Wir geben die Empfehlung, was zu tun ist, ob die Vereine das nachher umsetzen oder nicht, das steht auf einem anderen Papier. 

Der VDH ist auch so ein Papiertiger ...

Dr. Kresken: Nein. Was die meisten nicht wissen, ist, dass der VDH in Deutschland keinen direkten Einfluss auf die Entscheidungen der Züchter vor Ort hat, wie in anderen Ländern, wenn ich an den British oder American Kennel Club denke, da ist der einzelne Züchter direkt Mitglied. Aber nach dem deutschen Vereinsrecht sind alle Einzelvereine autonom. Da hat man teilweise für eine Rasse sechs Vereine. Der VDH kann also dem Dobermannverein gar nichts vorschreiben?

Der VDH kann also dem Dobermannverein gar nichts vorschreiben?

Dr. Kresken: Richtig, mit kleinen Ausnahmen.

Gibt es bei Hunden auch so etwas wie ein Sportlerherz?

Dr. Kresken: Ich halte öfter Vorträge über Herzerkrankungen für Tierärzte. Wenn es da zum Thema Sportlerherz kommt, stelle ich sofort eine Gegenfrage: Wer von Ihnen ist der Meinung, ein Sportlerherz ist schlecht? Da zeigt circa die Hälfte auf und die andere Hälfte glaubt, es ist etwas Gutes. 

Der Begriff ist beim Tier gar nicht richtig definiert. Aber es gibt schon Adaptismen, dass ein Herz, bei starker sportlicher Belastung sich, über seine auf ihn wirkenden Hormone wie Adrenalin und andere innere Hormone, auf regelmäßiges Erbringen von Leistung einstellt. Und dadurch kommt es ganz klar zur Veränderung der Herzfrequenz. Die Herzen schlagen in Ruhe meistens langsamer, weil sie dann nicht gefordert sind und können dann bei Leistungserbringung ihre Frequenz stark steigern und haben so mehr Kapazität. 

Ein langsames Herz wird größer, weil es sich ja länger füllt. Daher ist ein Sportlerherz größer. Es gibt Rassen, wie zum Beispiel Afghanen, Salukis, und andere Windhunde, und das wissen wir gerade durch Untersuchungen beim Saluki, die insgesamt ein größeres Herz haben, als die anderen Hunderassen. Das ist sicherlich ein genetischer Aspekt. Da hat man immer wieder auf Hunde selektiert, die mit dem Rennen besonders gut klar kamen. Der Saluki hat wirklich eines der größten Herzen im Verhältnis zum Körpergewicht. 

Aber der Begriff vom Sportlerherz, damit kann ich nicht viel anfangen. Aber das ist eine spannende Frage, die Sie gestellt haben und es wäre schön, wenn es mal klar wird, dass das im Wesentlichen eine adaptive Reaktion ist. Beim Saluki, der vielleicht tausend Jahre Renngeschichte hinter sich hat, bleiben durch Selektion der Schnellsten natürlich Merkmale genetisch hängen. Man müsste also erst tausend Jahre Dackelrennen machen und immer auf die schnellsten selektieren, so dass dann am Ende eine größere Pumpe rauskommt. Denn Sport macht nicht krank. 

Hütehund im ApportAlso heißt das auch, egal welche Sportart ich betreibe, ist es nicht schädlich fürs Herz?

Dr. Kresken: Genau. Das muss man klar sagen. Alles eine Frage der Dosierung.

Klar, bei 30 Grad muss ich nicht eine Stunde Agility machen.

Dr. Kresken: Exakt. Aber bei der normalen Nutzung eines Sporthundes ist nicht zu erwarten, dass er unter der sportlichen Belastung einen Schaden zurückbehält. Es sei denn, er hat von vornherein eine Veranlagung zur Herzerkrankung. Dann kann es sein, dass eine Herzerkrankung früher auftritt, weil das kranke Herz nicht mehr so lange durchhält. Aber ohne eine vorherige grundsätzliche Neigung oder einen mitgebrachten Schaden, kann man im Sport kein Herz krank machen. 

Und wenn der Hund eine Herzerkrankung hat, kann man dann noch Sport machen?

Dr. Kresken: Das hängt von der Herzerkrankung ab. 

Können Sie ein Beispiel geben, wo es geht und wo nicht?

Dr. Kresken: Zum Beispiel ein Boxer mit einer mittelgradigen Aortenstenose. Den kann ich schon auf dem Hundeplatz auch über die Unterordnung hinaus, also zum Beispiel am Figuranten, arbeiten lassen, weil die Hunde, wenn sie behandelt werden, kein Problem mehr damit haben. Aber in dem Moment, wo das Herzversagen beginnt, da ist immer Feierabend. Da muss der Hund geschont werden. Es kommt oft vor, dass wir Hunde bekommen, die bei sportlichen Veranstaltungen starten. Es war gerade hier in der Gegend eine Weltmeisterschaft für DogFrisbee. Bei solchen Veranstaltungen kommt es vor, dass Hunde bei der Voruntersuchung rausgefiltert werden. Die haben Herzgeräusche und kommen dann zu uns. Und dann gibt es welche, die trotz des Herzgeräusches voll einsatzfähig sind. Das kommt vor. Man muss das aber eindeutig abklären und der, der es macht, muss Kenntnis darüber haben, ob der Befund relevant ist oder nicht. 

Denn ein Herzgeräusch ist ja nur ein Befund, wie abstehende Ohren. Eine Krankheit ist es erst, wenn man damit wegfliegt!  Das ist ein schönes Schlusswort. Ganz herzlichen Dank für das interessante Interview.

 

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