Stimmeinsatz beim Hundetraining

Was Hunde aus unserer Stimme heraushören können

 

Schweigen ist nicht immer Gold

Im Hundesport steht effiziente Belohnung, klare Signalgebung und ein durchdachter Trainingsaufbau gleichbedeutend mit Erfolg. Aber auch Kommunikationsfähigkeit zählt dazu – und wir Zweibeiner reden viel, wenn der Tag lang ist. Oft viel zu viel. Hunde kommunizieren hauptsächlich nonverbal, zumindest wird das munter von Körpersprache-Experten propagandiert. Mit unserer Redewut können sie wenig anfangen. Sollten wir also beim Training den Mund halten und uns möglichst nur mit Gestik und Mimik ausdrücken? 

Spätestens bei vorgeschriebenen Hörzeichen in der Prüfungsordnung stoßen wir damit an unsere Grenzen. Von unseren alltäglichen Gewohnheiten mal ganz abgesehen – wir müssten uns auf diese ungewohnte Art der Ausdrucksweise bewusst konzentrieren. Und gleichzeitig die Übungsaufgabe behalten, den Hund motivieren oder bremsen, dem Trainer zuhören .. klingt nicht nur anstrengend, ist es auch.

Verhaltensforscher wie Professor Kurt Kotrschal sehen zudem ein wichtiges Zusammenspiel von Vokalisation und körperlichem Ausdruck. Nicht nur im sozialen Miteinander, auch auf dem Hundeplatz sollten wir authentisch agieren – also Sprechen und Handeln. Diese Kongruenz schafft Vertrauen in uns als Partner. Aber was, wenn wir in die Position eines „Lehrenden“ kommen und von unserer konkreten Signalgebung abhängt, ob der Hund für ihn wenig sinnvolle Übungsabläufe begreifen wird? Steht uns da die störanfällige Synchronisation nicht eher im Weg?

 

Clicker & Co – Vorteile gegenüber unserer Stimme?

Viele Sportler schwören im Training auf den Clicker. Diese Form der „neutralen Belohnungsankündigung“ (sekundärer Verstärker) könne viele Missverständnisse vermeiden, da unsere Hunde nicht durch veränderte Tonlage oder Intensität verwirrt werden würden – so weit, so gut. Der Ton bleibt immer gleich und wird somit für den Hund ein leicht erkennbares, verlässliches Signal. Unsere Stimme besitzt diese Kontinuität nicht. Und dass sich diese Veränderungen bei körperlicher Anstrengung oder gar Aufregung nicht gerade ausschalten lassen, ist auch kein Geheimnis. Sollen wir also den Klicker unbedingt vorziehen?

verbale Kommunikation

Obwohl jüngere Studienergebnisse darauf hinweisen, dass ein Knackfrosch als sekundärer Verstärker nicht automatisch effizientere Lernresultate bedingt (2), hält sich diese Einstellung hartnäckig. In einschlägigen Kreisen wird dem Clicker gar Überlegenheit aufgrund einer direkten Einwirkung auf die Amygdala attestiert. Jedoch gibt es „bis dato keinerlei wissenschaftliche Daten, die diese Annahme bestätigen könnten“, schreibt die Verhaltensbiologin und Hundetrainerin Dr. Marie Nitzschner in ihrem wissenschaftlichen Blog „HUNDEPROFIL“. Wir dürfen also unbesorgt unsere Stimme als „Marker“ für ein erwünschtes Verhalten einsetzen. Und wir dürfen auch verbal Loben.

 

Die Stimme – Ausdruck unserer Emotionen

Im Tiertraining traditionell als Handicap betrachtet ist die Komplexität unserer Sprache sowie der für uns so wichtige emotionale Ausdruck. Er verleiht Wortinhalten einen Kontext über das situative Befinden des Sprechenden. Das Meiste davon verläuft auch zwischenmenschlich unterbewusst. Professor Kotrschtral setzt diese Mechanismen sogar für die zwischenartliche Kommunikation voraus (1), was bedeutet, dass genau dieser verschriene „Beiklang“ für den Hund wertvolle Informationen liefert. Da Hunden lange die Fähigkeit abgesprochen wurde, Emotionen zu erkennen und zu verarbeiten, war dieses Modell eher unerwünscht. Auf Reiz-Reaktions-Ebene reduziert handelt es sich dabei um Veränderungen des ausgesendeten Signals, die der Hund neu erlernen müsse. In der Kommunikationspsychologie spricht man dahingegen von „Modulation“.

In den letzten Jahren haben sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse diesbezüglich weiterentwickelt: unsere vierbeinigen Sozialpartner verfügen über erstaunliche Fähigkeiten, menschliche Emotionen zu lesen und für sich zu verwerten. Ungarische Forscher haben sogar ein für das Erkennen von Stimmen und Stimmnuancen spezialisiertes Hirnareal bei Hunden im MRT entdeckt. Damit gelten sie als der erste Nicht-Primat, bei dem solch ein „Stimmerkennungszentrum“ durch bildgebende Verfahren nachgewiesen werden konnte. Und es funktioniert nach denselben Prinzipien, die wir Menschen nutzen, um emotionale Informationen aus vokalen Signalen zu interpretieren. Die Budapester Wissenschaftler um Attila Andics konnten sogar belegen, dass die Hirnareale der Hunde durch menschliche Laute aktiviert wurden (3).

 

Stimmgewalt ist manchmal von NötenLaut und deutlich?

Muss man einem Hund gegenüber also seine Emotionen regelrecht herausschreien? Schließlich sprechen wir ja eine Fremdsprache und können kaum differenzierte Feingeistigkeit erwarten. Laut, klar und intensiv sollte einfacher zu erkennen sein. Viele Hundeführer tun sich allerdings schwer, offen aus sich heraus zu gehen. Emotionen derart ungefiltert und unverwässert auszudrücken entspricht nicht unbedingt menschlichem Normverhalten: wir fühlen uns unwohl, gegen erlernte soziale Konventionen verstoßen zu müssen. (1)

Modulation ist auch hier wieder das Stichwort. Ein internationales Forschungsteam der Max-Planck-Gesellschaft hat ein spannendes Paradoxon entdeckt: Die intensivsten Gefühle seien nicht am besten interpretierbar – ganz entgegen weitläufiger Annahmen. „Im Gegenteil, sie sind sogar am missverständlichsten von allen“, erklärt Erstautorin Nathalie Holz. Die Studienergebnisse messen zwar emotionaler Intensität einen „entscheidenden Faktor in der Wahrnehmung von Emotionen“ bei, jedoch verringere sich bei starker Intensität die Unterscheidungsfähigkeit. (4)

Wir können uns also mit hochemotionaler, intensiver Sprache Aufmerksamkeit und Alarmierung versichern. Das funktioniert vermutlich auch gegenüber unserer Hunde. Für verständliche Inhalte bedarf es jedoch einem höheren Maß an Selbstbeherrschung. Das darf man sich auf dem Hundeplatz zu Herzen nehmen, wenn es mal „laut und ungestüm“ wird: die tatsächliche Botschaft an den Hund wird besser verstanden, wenn wir unsere emotionale Erregung wieder ein wenig heruntergefahren haben. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Aber die Wertschätzung dieser affektiven Entgleisungen im Hinblick auf gegenseitiges Einschätzen und persönlicher Authentizität (1) ist neu.  

  

Fazit: Die Stimme als wertvolles Instrument

Darf man Studienergebnissen der Yale Universität Glauben schenken, wird die Stimmlage bei Tests zur Erfassung empathischer Fähigkeiten zugunsten visueller Marker (Mikroexpression und Mimik) gewöhnlich zurückgestellt. Dabei käme deren Aussagekraft weit mehr Bedeutung zu als anderen Kanäle, so der amerikanische Professor Michael Kraus (5).

Vielleicht sollten wir im Hundetraining mehr Energie aufwenden, dieses natürliche Kommunikationsinstrument in herausfordernden Situationen zu meistern – statt schüchtern auf technische Signalgeber auszuweichen oder uns „stumm“ zu stellen. Unsere Hunde verfügen offensichtlich über die notwendige Verarbeitungsfähigkeit. Und mal ehrlich: als würde der kanide Biosensor an unserer Seite nicht sofort die feinen Veränderungen in Haltung, Mimik, Augenbewegung und Atmung erkennen, wenn wir uns bewusst „den Mund verbieten“!

Auch der Klicker ist ein wertvolles Hilfsmittel für bestimmte Situationen. Er kann Sicherheit vermitteln, wenn wir uns Unwohl fühlen. Aber ersetzen kann er unser persönliches Selbstbewusstsein und auch die Authentizität nicht, Gefühle und Wahrnehmungen mit unserer Stimme Ausdruck zu verleihen. Also: Nur Mut.

 

Quellen:

  • (1) „Im Egoismus vereint?“ Kurt Kotrschal, 1995,
  • (2) https://hundeprofil.de/ist-clickertraining-effektiver/ (Marie Nitzschner)
  • (3) „Voice-Sensitive Regions in the Dog and Human Brain Are Revealed by Comparative fMRI“ (Attila Andics, 2014, Current Biology) 
  • (4) „The paradoxical role of emotion intensity in the perception of vocal affect“ (Holz, N., Larrouy-Maestri, P. & Poeppel, D., 2021) Scientific Reports, 11, 9663
  • (5) „Voice-only communication enhances empathic accuracy“. MW Kraus - American Psychologist, 2017

 

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