3-2-1-LOS: die Hunde-Formel 1

Alles schaut auf die Ampel.

Eine Stecknadel würde gerade niemand fallen hören. Es ist laut. Helle Aufregung, Adrenalin, denn gleich geht’s los und in ca. 16 Sekunden ist dann auch wieder alles vorbei. Die Ampel schaltet auf grün. Yoda flitzt los. Jetzt wird’s noch lauter. Der dreijährige Multi-Mix nimmt die vier Hürden fehlerfrei, zeige eine perfekte Schwimmerwende, greift den Ball und übergibt nach weiteren vier Hürden an Riley. Auch der sechsjährige Herder ist schnell. Er ist der Routinierteste in der Aufstellung und übergibt nach seinem Kurzauftritt an die Kleinste. Pina ist eine gerade zweijährige Multi-Mix-Hündin. Sie fliegt über die 15,55 Meter lange Bahn als wäre Ainic hinter ihr her. Aber der startet erst, wenn sie ihre Ziellinie berührt hat. Der fünfjährige Border Collie ist der Schlussläufer und bringt den Lauf knapp vor dem Gegner ins Ziel. Dann schauen wieder alle auf die Ampel und alles beginnt von vorn.

Von was rede ich da eigentlich, wird sich mancher Leser fragen. Natürlich vom Flyball oder auch der Formel-1 im Hundesport. Sieht einfach aus, ist aber viel mehr als der erste Blick offenbart. Das interessiert mich. Zeit also für einen zweiten Blick.

 

Das Team

Die Flyball-JunkiesYoda, Riley, Pina und Ainic sind die Flyball-Junkies. Und weil zu einem Flyballteam immer sechs gehören, gibt es da noch die beiden Border Collies Nap und Stella, sieben und acht Jahre alt. Die Flyball-Junkies sind die amtierenden Deutschen Meister des VDH, haben 2019 auch den Vize-Europameister-Titel der Division 1 nach Oberfranken geholt und halten den deutschen Rekord von 15:93 sek. Sie sind für die Weltmeisterschaft qualifiziert, die aber ja leider, wie die meisten Hundesportevents 2020, auch Corona zum Opfer gefallen ist. 

„Na ja schade, aber dann starten wir halt 2021!“,

sagt mir Lea Sauer, Frauchen von Pina und die Cheftrainierin oder „das Hirn“ im Verein. Zwei von fünf deutschen Mannschaften entsendet der Verein Flyball Oberfranken nächstes Jahr nach Lommel in Belgien.

Im DVG-Verein trainieren aber nicht nur die Junkies. In Emtmannsberg gibt es derzeit 25 Mensch-Hunde-Teams, zusätzlich Boxenlader, andere Helfer und sogar eine eigene Physiotherapeutin, die die Vereinshunde während der Turniere betreut. Corinna Spitzer ist das Frauchen von Ainic und kommt mit Sebastian Dirksen (Yoda) übrigens extra aus München, um mit dem Team zu trainieren.

Beide sind auch lizenzierte Flyball-Richter. Seit zwölf Jahren ist der Verein in der Flyballszene aktiv, seit 2015 sind sie auch im VDH offiziell eingetragen. Auch die Flyball-Youngsters sind recht erfolgreich und haben immerhin Platz 4 bei der VDH DM gewonnen. Dann gibt es noch die Flyball-Freaks und eine gemischte Anfängermannschaft. Trainieren tun sie aber alle zusammen, leben echtes Teamwork. Die Stimmung ist sehr gut. Dieser Verein lebt!

 

Taschenraketen braucht jedes Team

Taschenraketen braucht jedes Team

Der Schnellste im Verein ist Yoda. Er läuft die Bahn in 3,48 Sekunden. Das sind 8,9 Meter pro Sekunde. Fast ein bisschen unvorstellbar, wenn man es nicht mit eigenen Augen sieht. Die Bahn ist, wie erwähnt, 15,55 Meter lang. Die 60 Zentimeter breiten Hürden stehen immer in einem Abstand von 3,05 Metern. Zwischen der Letzten und der Box liegen nochmal 4,57 Meter. Falls sich jemand fragt, warum die Zahlen so krumm sind: Flyball stammt aus Amerika, ist dort viel populärer als bei uns. Die VDH-PO orientiert sich natürlich an den Originalvorgaben und die sind in Fuß angegeben. Und da ein Fuß gleich 0,3048 Meter sind, sind 3,05 Meter dann zehn Fuß und 4,57 Meter eben 15 Fuß. Also schöne gerade Angaben. Aber das nur nebenbei.

Die Höhe der Hürden richtet sich nach der Größe des kleinsten Hundes. Ähnlich wie beim Agility wird gemessen, d.h. die Beinlängen werden gemessen. Die kürzesten Beine ergeben die Hürdenhöhe für das gesamte Team. Diese liegt immer zwischen 15 und 32,5 cm. Jetzt frage ich mich, ob es nicht schlau ist, wenn man immer einen kleinen Hund im Team hat, weil für die Großen ja ein „Drüberlaufen" schneller geht, als ein „Drüberspringen“. Schließlich geht’s ja in diesem Sport am Ende um Hundertstelsekunden. Cheftrainerin Lea erklärt mir dazu, dass sich die Hürdenhöhe nicht nur nach dem kleinsten Hund richtet, sondern dieser dann auch zu den laufenden Hunden gehören muss. Es laufen ja immer nur vier von sechs. „Also bestenfalls hat man zwei kleine Hunde in der Mannschaft, damit der kleine Hund auch mal Pause hat und nicht das ganze Turnier durchhalten muss. Ein Wechsel der Hürdenhöhe während eines Turniers ist absolut nicht empfehlenswert, da die ganze Technik darunter leidet, wenn sich der Sprung-Rhythmus durch die höheren Hindernisse ändert.“

Nach meiner Logik laufen nun aber kleinere Hunde aufgrund der kürzeren Beine sicher nicht so schnell wie die Großen und zwei kleinere Hunde im Team können wertvolle Hundertstel kosten. Lea erklärt mir, dass es deshalb bestenfalls einen oder zwei der sogenannten "heightdogs" im Team gibt, die idealerweise die gleichen Zeiten laufen, wie die Großen.

Diese „heightdogs“ werden in Amerika seit Generationen extra für diesen Sport kleiner und kompakter gezüchtet. Pina und Yoda sind solche Amerika-Importe, stammen aus der gleichen Zucht. Yoda ist zu 50% ein Whippet, etwas größer und damit eine halbe Sekunde schneller als Pina. Die Kleinste im Team muss also in jedem Lauf ran, nach ihr werden die Hürden eingemessen. Auch Pina sieht eigentlich mehr nach Whippet aus, hat aber auch Terrierblut und in den hinteren Generationen sollen sogar Malinois und Border Collie stehen. Multi-Mix eben. Ein wieselflinker aber. 

Damit wäre die Frage nach Reinvielfalt für mich auch beantwortet. Anders als in anderen Sportarten, kann man im Flyball mit jedem Hund starten, auch auf der Weltmeisterschaft. Und auch wenn man viele Border Collies sieht, in diesem Sport sind sie mal nicht die Stars. 

Aber welche Eigenschaften muss denn nun so ein Top-Flyballhund haben? 

 

Jeder Hund kann beim Flyball mitmachenHerz und Kampfgeist

Manchen Hunden merkt man einfach noch ein wenig mehr den Biss an, wenn sie im Ring stehen.", sagt Lea. "Der Hund muss nicht die schnellsten Zeiten laufen, aber Kampfgeist ist subjektiv gesprochen, das Wichtigste und unterscheidet z.B. im Finale über Sieg oder Niederlage. Wenn die Kraftreserven am Ende sind, schaffen es manche Hunde einfach, nochmal über sich hinauszuwachsen. Für mich persönlich wäre es anschließend noch das Gebäude. Manche Hunde haben es aufgrund ihrer Winkelung in Vorder- und Hinterhand einfach deutlich leichter, als andere.“

Kann also jeder Hund Flyball machen? „Ja“, sagt mit Gabi Habla, lizenzierte Flyball-Richterin und Chefin von Nap: „solange der Hund schlank und gesund (bestenfalls geröngt) ist über Basis-Grundgehorsam, gutes Sozialverhalten und Meutebezug verfügt. Apportieren, springen, Distanzarbeit – das kann alles unter Anleitung guter Trainer trainiert werden. Einzig Motivation und Spaß an der Arbeit mit dem eigenen Hund können nicht schaden. Ob Deutsche Dogge, Bernhardiner & Co. aber unbedingt diesen Sport machen müssen, sei mal dahingestellt."

Also im Training habe ich keinen Bernhardiner gesehen, aber Herder, Aussies, Terrier, Border Collies und viele andere. Irgendwie fand ich die auch alle schnell, aber das liegt sicher daran, dass das Auge Hundertstelsekunden nicht messen kann. Wie werden die Teams nun aufgestellt? Welche Kriterien gibt es und wer entscheidet das? Das letzte Wort haben die Trainer in enger Absprache mit den Teamcaptains. Aber grundsätzlich wird in Emtmannsdorf nach der Zeit zusammengestellt. Die sechs schnellsten Hunde laufen in der ersten Mannschaft. Wichtig ist Konstanz, aber auch häufige Teilnahme am Training ist relevant und wer auch daheim seinen Hund in Form hält. 

 

Schnell wie der WindTeambildung

Und die „Wissenschaft“ geht weiter, denn auch das Festlegen der Reihenfolge, in der die Hunde ein Rennen laufen, ist eine Kombination aus Beobachtung und Taktik. Lea führt dazu aus, dass jeder Hund andere Vorlieben hat. „Manche starten gern im direkten Duell auf Augenhöhe mit dem Gegner und müssen deswegen auf Position 1 stehen. Andere holen als Schlusshund nochmal ordentlich was raus, wenn sie merken, dass es eng wird. Und ich habe am Start sowieso gerne einen Hund, der uns erstmal in Führung bringt.“ Na, das ist dann bei den Junkies wohl Yoda.

Und dann gilt es noch etwas ins Kalkül zu ziehen: die Wechsel. Wenn die perfekt sind, kann man logischerweise viel Zeit gutmachen. Gabi sagt mir, der nächste Hund darf los, wenn der Rückläufer mit einem Körperteil die Ziellinie überquert hat. „Im besten Fall ist das Nase an Nase direkt an der Linie.“ Na, da müssen die Richter ja auch sehr gute Augen haben, denke ich mir. „Außerdem harmoniert auch nicht jeder Hund mit jedem Mitstreiter perfekt bei den Wechseln. Die Bahn ist ja schließlich auch nur 60 Zentimeter breit. In einem Team aus sechs Hunden hat jeder Hund bestenfalls zwei Partner zum Wechseln.“ Und natürlich gibt es ja nicht nur einen Wettkampflauf.

 

Flyball: Ablauf von TurnierenWie laufen Turniere ab?

So ein Turniermodus kann wechseln. Es gibt verschiedene Modi, die frei vom Veranstalter wählbat sind. In der VDH PO kann das alles nachgelesen werden. Meistens werden die Qualifikationsläufe vormittags nach Round Robin ausgetragen. Jedes Duell besteht dabei aus drei (fünf) Läufen. Das Ergebnis aller ermittelt die Reihenfolge für die Hauptrunde, die meist im doppelten K.O.-System ausgetragen wird. Da kommt schon einiges an Läufen zusammen, wie mein Beispiel zeigt. Läuft es nicht optimal, können bei einem Turnier mit neun Mannschaften bis zu 45 Läufe an einem Tag nötig sein. Klar, es sind immer nur ca. vier Sekunden pro Lauf und Hund, aber die ganze Atmosphäre, das Adrenalin und häufige extreme Kurzzeitbelastung schlauchen auch. Deswegen sind „Wasserträger“ so wichtig. Nap und Stella (von Gabi und Christ Habla) sind die Wasserträger bei den Junkies. Sie sind die erfahrensten Hunde und die zuverlässigsten. Das heißt ja nicht, dass sie langsam sind, aber mit Yoda und Pina können sie halt schon aufgrund des Alters nicht mehr mithalten. Und da ja fehlerfreie Läufe auch wichtig sind und Schnelligkeit nicht alles ist, werden die „Wasserträger“ oft in den Qualifikationsläufen eingesetzt, um die anderen zu „schonen“. „Wasserträger“ sind also ganz wichtige Teammitglieder.

Gestartet wird auf Turnieren in Divisionen. Das ist eine Art Klasseneinteilung nach der gemeldeten Zeit und soll möglichst gleichstarken Teams faire Rennen ermöglichen. Gabi erklärt, dass normalerweise sind vier bis sieben Teams in einer Division sind und dass ein Start in der Division 1 einer Deutschen Meisterschaft nicht unbedingt zu einer Division 1 bei der Weltmeisterschaft führt. Dort kann es dann auch die Division 3 sein, wenn die Zeiten anderer Teams besser sind.

 

Lea Sauer mit Nachwuchs im Team

Der gesundheitliche Aspekt

Und jetzt interessiert mich doch das Thema Gesundheit, die Hunde laufen ja mit ca. acht m/s auf die Box „auf“. Lea führt dazu Studien an, die zeigen, dass die Verletzungsquote im Flyball wohl geringer ist, als in anderen Sportarten. „Was öfter mal passieren kann, sind eingerissene Krallen oder ein aufgeriebener Ballen, was allerdings primär mit den Bodenverhältnissen zusammenhängt und auch auf einem Spaziergang passieren kann. Auch kleinere Zerrungen können auftreten, wenn warmup und cool down auf der Strecke bleiben oder die Technik der Schwimmerwende nicht richtig erarbeitet wurde. Wirkliche Verletzungen habe ich in den über zehn Jahren noch nicht gesehen.“ Und so war die Boxarbeit auch im Training die Hauptarbeit bei allen Hunden, das Feilen an der Wendetechnik. Diese ist existentiell wichtig, „um das hohe Tempo und die daraus resultierende Kraft abzufangen und in einen „runden“ und effizienten Bewegungsablauf umzuwandeln.“

Gute Beobachtungsgabe, schnelle Analyse der je nach Hund differierenden Bewegungen und ein sofortiges Lösungskonzept bei Problemen machen einen guten Trainer aus. Im Emtmannsberger Training feilt Lea Sauer an jedem kleinsten Detail und das macht nicht nur erfolgreich, sondern bringt auch Spaß.

 

Flyball-Virus verbreitet sich

Dass der Trend zu Funsportarten tendiert, ist schon länger ersichtlich und spätestens seit der Anerkennung durch den VDH und mit Einführung der Deutschen Meisterschaft ist wohl auch Flyball im Trend angekommen und wächst stetig. In den USA oder in Großbritannien zählt Flyball schon zu den populärsten Hundesportarten. Richterin Gabi Habla sagt: „In Deutschland gibt es derzeit ca. 80-100 Teams. Es gibt aber noch viele Vereine, die nicht im VDH sind, aber dennoch auf der Europameisterschaft starten dürfen. 400 Teams gibt es schätzungsweise in Europa, 150 Teams treten auf der EM gegeneinander an. Weltweit gibt es mehrere Tausend, allein der amerikanische Verband hat schon über 1000. Australien 150, Japan ... der Virus Flyball verbreitet sich.

Flyball ist der einzige Teamsport (Staffellauf) mit Hunden. Gefordert sind Schnelligkeit, Perfektion und Konzentration, denn Hundertstel entscheiden über Sieg oder Niederlage. Vieles ist mit dem blanken Auge nicht erkennbar und die Rennen liegen oft so dicht beieinander. Adrenalin pur. Und die Ampel wird wieder grün. Yoda flitzt los. 

 Flyball ist ein Staffellauf

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