Ein Öl als Hoffnungsträger bei Epilepsie

Gerade eben war noch alles gut. Unauffällig ging der Hund den Flur entlang, als ihn wie aus dem Nichts dieser stechende Griff aus der dunklen Wolke erwischt. Er wankt, weiß nicht, wie ihm geschieht, verliert die Orientierung, ist ruhelos, hat seine Gliedmaßen nicht mehr unter Kontrolle. In seinem Kopf wütet ein Gewitter. Manchmal so stark, dass alles in ihm zu krampfen beginnt. Ein schreckliches Schauspiel, in dem der Hundehalter als Zuschauer zum Nichtstun verdammt ist. Ihm bleibt nur zu hoffen, dass der Spuk in wenigen Minuten wieder vorbei ist. Und bei dem Hund keine bleibenden Schäden hinterlassen hat. 

Etwa ein Prozent aller Hunde leidet unter Epilepsie. Sie ist bei ihnen die am häufigsten vorkommende neurologische Erkrankung, laut aktuellen Schätzungen ist jeder 111. Hund, der in einer tierärztlichen Praxis vorgestellt wird, von der auch als Fallsucht bezeichneten Krankheit betroffen. 

Die Diagnose ist für Hundehalter ein Schock – denn eine genetisch bedingte Epilepsie ist nicht heilbar. Während bei der Behandlung in der Vergangenheit der Fokus vor allem auf den Medikamenten lag, prüfen Forscher seit einiger Zeit zunehmend die Rolle der Ernährung bei Hunden mit Epilepsie. So hat der deutsche Tierarzt und Veterinärneurologe Dr. Dr. Benjamin-Andreas Berk aus Mannheim jetzt gemeinsam mit Kollegen als Erster in einer Studie an Epileptikerhunden belegt, dass unter anderem in Kokosöl enthaltene mittelkettige Fettsäuren die Häufigkeit epileptischer Anfälle reduzieren, Anfälle insgesamt weniger stark oder begleitende Verhaltensveränderungen weniger ausgeprägt ausfallen. Die Ergebnisse der 2016 gestarteten Studie, bei der Hunde aus Köln, Mannheim, Hannover, London, Derby und Helsinki untersucht wurden, werden abschließend Mitte des Jahres vorgestellt.

Die Studie belegt jetzt, was betroffene Hundehalter zum Teil durchaus schon ahnten: 

Die Ernährung beim epileptischen Hund nimmt eine wichtigere Position ein als bisher angenommen. 

Die wissenschaftliche Auswertung dieser jüngsten Studie zeigt deutlich, dass sich das Wohlbefinden des geliebten Vierbeiners ganz wesentlich verbessern lässt, wenn genauestens darauf geachtet wird, was in den Napf kommt. „Wir haben anhand unserer Studie signifikante Verbesserungen durch die Verwendung von MCT-Öl festgestellt“, resümiert Tierneurologe Berk. 

MCT-Öl mit KokusMCT-Öl ist ein ausschließlich aus mittelkettigen Fettsäuren – oder auf Englisch: medium-chain triglycerides  (MCT) – bestehendes Öl, das in hohem Maß in Kokos- oder Palmöl vorkommt. In Verbindung mit einer stark kohlenhydratreduzierten Ernährung, der sogenannten ketogenen Diät, wirken sich diese Fettsäuren positiv auf den Stoffwechsel aus und können so epileptische Anfälle deutlich reduzieren oder sogar ganz verhindern. Beim Hund jedoch spricht man dabei von der „ketotischen Fütterungsweise“, da sich sein Stoffwechsel deutlich von dem des Menschen unterscheidet. 

Dass sich eine kohlenhydratarme und gleichzeitig fettreiche Ernährung positiv auf Anfallshäufigkeit und Anfallsintensität auswirken, war dabei nicht neu. Bereits vor fast 100 Jahren entdeckten amerikanische Forscher, dass eine ketogene Diät beim Menschen epileptische Anfälle reduzieren kann. „Allerdings lagen uns dazu für den Hund bislang keine gültigen Studien vor und die vorhandenen konnten nicht eins zu eins übertragen werden, doch dann wurde die Art der Fette zunehmend ins Auge gefasst“, schildert Neurologe Berk. 

Erst 2015 wiesen Forscher erstmals auch beim Hunde-Epileptiker nach, dass sich eine ketogen ausgerichtete Ernährung, bei der der Körper seine Energie nicht aus Kohlenhydraten gewinnt, sondern in Ermangelung dessen auf das angebotene Fett zurückgreift, positiv auf die Krankheit auswirkt. Berk, der sich nach fast drei Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema inzwischen zum Experten auf dem Gebiet der Epilepsie entwickelt hat, wollte schließlich wissen, ob auch die Art und Verabreichungsweise des Fettes beim Hund, das bei der ketogenen Diät zugeführt wird, eine Rolle spielt. An 36 Hunden aus Deutschland, England und Finnland, die trotz Medikamente noch immer unter mindestens einem Anfall im Monat litten und als „medikamentenresistent“ galten, testete er die Folgen einer dreimonatigen Fütterung mit reinem MCT-Öl als tägliche Zugabe im Vergleich zu einem durchschnittlichen Kontroll-Öl. Und kam zu einem erstaunlichen Ergebnis. „Wir haben festgestellt, dass über 75 Prozent der Hunde auf das MCT-Öl reagiert haben“, so Berk. Sie bekamen weniger Anfälle, die Anfälle fielen weniger schwer aus und die Hunde steckten die Nebenwirkungen der Medikamente besser weg. Auch im Verhalten änderten sie sich zum Positiven, waren weniger ängstlich oder geistig fitter. Und: Das alles ohne Nebenwirkungen. Damit konnte Berk wissenschaftlich untermauern, wovon er bereits überzeugt war. 

In seinem Praxisalltag ist MCT-Öl inzwischen zum festen Bestandteil in der Therapie von Hunden mit genetisch bedingter Epilepsie geworden. „In einem Fall hat ein Hund sogar so gut auf das MCT-Öl reagiert, dass wir die Medikamente nach und nach ganz absetzen konnten“, schildert der Tierneurologe. 

Ein Freifahrtschein für die unkontrollierte Anwendung zu Hause ist das allerdings nicht. Stattdessen warnt Berk davor, das MCT-Öl ohne tierärztliche Beratung über das Futter zu kippen.

„Für jeden Hund muss individuell abgestimmt werden, wie hoch der Anteil an MCT-Öl in seinem Futter konkret sein muss“, so Berk.  Auch wenn das Netz voll ist mit positiven Erfahrungsberichten zu verschiedenen Fütterungsempfehlungen bei Epilepsie, rät Berk dazu, Nahrungsergänzungen immer erst mit dem Tierarzt abzusprechen. Denn vieles von dem, was in Internetforen propagiert wird, ist wissenschaftlich nicht belegt. Benjamin Berk kann sich an einen Fall erinnern, bei dem einem Hund, der gegen seine Anfälle bereits Kaliumbromid erhielt, zusätzlich noch Magnesiumchlorid mit ins Futter getan wurde. „Was bei dem Hund schließlich zu Serienanfällen führte, weil das Chlorid in dem Produkt, wie Salz, radikal den Kaliumbromidspiegel heruntergefahren hat.“ Zu dem Magnesiumchlorid hatte zuvor eine Tierheilpraktikerin gegen die Verkrampfungen bei den Anfällen geraten. 

Anders sieht es bei der Rohfütterung, dem sogenannten Barfen, aus. Auch hier berichten verschiedene betroffene Hundehalter, dass ein Umstieg auf Rohfleischfütterung zu deutlich weniger Anfällen bei ihrem Vierbeiner geführt habe. 

„Die Rohfütterung bietet generell eine gute Ausgangsbasis im Sinne des Ketogenen oder Ketotischen, weil sie fleischdominiert ist und wenig Kohlenhydrate enthält“, 

erläutert der Tierneurologe. Zudem habe der Besitzer auch die Kontrolle über die Rohstoffe. „Aber auch das Risiko, etwas falsch zu machen, ist viel größer. Denn es ist nicht damit getan, einfach Fleisch mit Gemüse zu füttern.“ Vitamine, Kalzium, Aminosäuren – damit der epileptische Hund auch bekommt, was sein Körper und Gehirn brauchen, müssen alle Zutaten genauestens aufeinander abgestimmt sein. Ist das der Fall, kann auch Rohfütterung einen positiven Beitrag bei Epilepsie leisten. „Es gibt eine Studie an Hunden, die belegt, dass Barfen sich auf das Metabolom beziehungsweise das Mikrobiom auswirkt“, schildert Berk. Deshalb gehen Forscher aktuell davon aus, dass sich die Zusammensetzung der hundlichen Darmflora durch das Füttern von Rohfleisch verändert und dadurch Substanzen produziert, die sich positiv aufs Gehirn auswirken und damit die Epilepsie beeinflussen könnten.

2018 hat Dr. Dr. Benjamin Berk eine weitere Studie durchgeführt, dieses Mal beschäftigte er sich mit dem tierarztunabhängigen Einsatz, den Gründen und Auswirkungen einer „diätetischen Supplementierung beim Hunde-Epileptiker“ durch den Besitzer – also den Auswirkungen einer Zugabe bestimmter Nahrungsergänzungen. „Interessanterweise waren die ganzen Öle, wie mittelkettige Fettsäuren, Lachsöl, Kokosöl und Leinsamenöl in den Top 5.“ Pflanzen wie Mariendistel, Baldrian, Kurkuma, Grüner Tee, Knoblauch und spezielle chinesische Kräutermischungen hingegen schnitten weniger gut ab. „Für diese Produkte gibt es keinen wissenschaftlich fundierten Nachweis beim Epileptiker. Als Arzt brauche ich aber diesen belegten Zusammenhang.“ Trotzdem begleitet Berk immer wieder auch Hundehalter, die sich von diesen alternativen Ergänzungsmitteln eine Besserung versprechen. „Wir versuchen dann, die Behandlung so wissenschaftlich fundiert wie möglich anzugehen und eine vergleichbare Dosis anzusetzen, die in anderen Studien untersucht worden ist.“ 

Bekommt der Patient etwa CBD-Öl, untersucht Berk den Wirkstoffspiegel des Cannabinoids regelmäßig im Blut. „Als Mediziner versuche ich immer Backups zu schaffen, damit ich so etwas verantworten und die Gesundheit meiner Patienten sicherer begleiten kann.“ Aktuell wartet Berk noch auf die Auswertung einer Studie aus Colorado, bei der festgestellt wurde, dass die Anfälle unter CBD-Öl weniger wurden. „Ich plädiere allerdings dafür, es als letzte Karte einzusetzen, da wir noch nicht wissen, was CBD-Öl für Langzeitfolgen hat.“ Bei Hunden etwa, die auf keine Medikamente reagierten. „Da muss ich das Risiko eingehen, aber genauestens überwacht.“ Brächten bestimmte Produkte auch kurzzeitig einen Effekt: „Ich habe Sorge, dass wir in zehn, 15 Jahren erkennen, dass sie die Leber oder was auch immer schädigen. Außerdem wurde in manchen Studien auch schon belegt, dass CBD-Öl negative Auswirkungen auf die Medikamente hat.“ 

Trotz allem ist der Tiermediziner vollstens überzeugt davon, dass Ernährung viel im Kampf gegen verschiedenste Krankheiten, gerade auch in der Tierneurologie als die noch stiefmütterlich behandelte Neurodiätetik, bewirken kann. „Medikamente sind ein wichtiges Werkzeug, aber ich kann mit ihnen nicht die Wurzel des Übels anpacken. Ich glaube, dass die Fütterung in Zukunft die dauerhaftere Lösung sein kann und wird.“ So habe die MCT-Öl-Studie gezeigt, dass sich auch die Botenstoffe im Gehirn komplett verschöben. Noch könne zwar nicht gesagt werden, dass Ernährung bei Epilepsie die Behandlungsmethode der Wahl sei. „Aber wer weiß, wo die Wissenschaft uns hintreibt. Vielleicht ist es bald so, dass wir auf Dauer dahinkommen, dass wir jeden Patienten erst medikamentös einstellen, dann ernährungstechnisch und dann die Medikamente wieder ausschleichen. Im Mittelpunkt aller Behandlungen sollte immer die Lebensqualität und der Patient als Individuum stehen.“ 

Bis dahin müsse sich jedoch auch noch die Qualität des Futters ändern. „Es ist ein absoluter Trugschluss zu glauben, dass Alleinfuttermittel in Deutschland alles abdecken, was ein Hund braucht. Stattdessen muss man schauen, was unsere Vierbeiner und besonders Epileptiker generell gefüttert bekommen. Werden sie überhaupt bedarfsgerecht ernährt? Wir müssen uns Gedanken darüber machen, was wir unseren Hunden geben und wie es sie im Verhalten oder in der Entwicklung beeinflusst. Viele der Futtersorten, die man draußen bekommt, sind nicht ausreichend deklariert. Man kann also gar nicht abschätzen, wie viel B-Vitamine da drin sind oder welche Aminosäuren. Die Tierernährungsmedizin kann hier und muss auch ein beständiger Teil jeder tierärztlichen Behandlung werden.“ ■

 

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