Schein und sein

Beobachten kann jeder, richtig interpretieren nur die, die sich mit dem Ausdrucksverhalten von Hunden im Gesamten auseinandersetzen.

Ein mögliches Szenario:

Es ist Welpengruppe. Ein kleiner Mischling aus dem Tierschutz trifft auf einen jungen Rottweiler-Rüden. Der Rottweiler rennt auf den kleinen Mischling zu, der augenblicklich den Schwanz einklemmt, den Rücken krümmt und sich auf den Boden legt. Der Rottweiler patscht mit der Pfote auf den Kleinen und bleibt dann stehen. Welche Gefühle hat man als Beobachter bei der Szene? Wie stellt sich die Szene für die Hundebesitzer des Mischlings und wie für die Besitzer des Rottweilers dar? „Der Kleine hat Angst“ ist wahrscheinlich eine häufige Assoziation und so manch einer würde die Hunde schnell trennen.

Beobachtung vs. Interpretation

Dass der Mischling Angst hat, ist bereits eine Interpretation und keine Beobachtung, denn keiner weiß, ob der Hund wirklich gerade Angst empfindet. Aber die beteiligten Hundetypen, ein geretteter Hund, der womöglich schon Schlimmes erlebt hat und der in manchen Bundesländern als Listenhund aufgeführte Rottweiler, führen schnell dazu, dass sich Interpretationen aufgrund von Vorstellungen und Einstellungen mit der Beobachtung mischen. 

Dieser Hund MUSS ja Angst haben, sonst würde er sich doch anders verhalten, oder? Zwar gibt es ein vollständiges Ethogramm des Ausdrucksverhaltens unserer Hunde, aber die Beobachtung von Hunden ist wertfrei kaum möglich. 

Um gut zu beobachten, darf man nicht gleichzeitig die Beobachtung interpretieren.  

Ein Blick in das Ethogramm des Hundes zeigt, was man viel wahrscheinlicher beobachtet hat: Der kleine Mischling zeigt Demutsverhalten. Ein Sozialverhalten, was durchaus sehr sinnvoll ist, gerade wenn man sein Gegenüber noch nicht einschätzen kann. Nicht nur, dass damit eine eventuelle Eskalation vermieden wird: sie nimmt auch gleich die Dynamik aus der Situation, die womöglich wirklich negativ enden könnte, wenn der Rottweiler anfängt den Mischling zu jagen und dieser das nicht mehr selbst stoppen kann. Eigentlich also ein kluges Verhalten dem sich nach entsprechendem Kennenlernen auch durchaus noch ein Spiel anschließen kann (sofern man dies noch zulässt und nicht sofort die Hunde separiert).

Seinen eigenen Hund völlig wertfrei zu beobachten, ist schwer vorstellbar. Aber auch bei der Beobachtung von anderen Hunden greifen wir auf unser bisheriges Erfahrungswissen zurück und schließen schnell voreilige Rückschlüsse. Während der eine den heranrasenden Tut-Nix als respektlos empfindet, empfindet der Tut-Nix-Halter seinen Hund als verspielt.

Überinterpretation:  Beschwichtigungssignale

Nicht nur die Interpretation ist ein Problem, was schnell zu Missverständnissen führt. Auch die Überinterpretation einzelner Verhaltensweisen tut dies. 

Ein prominentes Beispiel hierfür sind die sogenannten Beschwichtigungssignale. Mit der Veröffentlichung von Turid Rugaas „Calming Signals“ im Jahre 2001 kam ein regelrechter „Boom“ auf. Plötzlich beschwichtigte jeder Hund. Ob Gähnen oder über die Schnauze lecken – jeder Hund beschwichtigte. Dabei wurde jedoch oft der Kontext nicht beachtet, in dem das entsprechende Verhalten gezeigt wurde. Ein Hund, der sich über die Schnauze leckt, weil er sich gerade in einem Konflikt mit seinem Gegenüber befindet, meint dies sicherlich als Beschwichtigung – ob dies zur eigenen Beschwichtigung oder zur Beschwichtigung des Gegenübers geschieht, sei an dieser Stelle dahin gestellt.

Ein Hund, der im Training mit Leckerchen bestätigt wird und sich über die Schnauze leckt, tut dies jedoch nicht unbedingt als Beschwichtigung. Vielleicht war das Leckerchen einfach lecker und es wird nochmal herzhaft nachgeschmeckt und das Maul gesäubert. 

Die Beachtung des Kontextes und der weiteren Körpersprache ist notwendig, um das Verhalten entsprechend einzuordnen.

 

Fehlinterpretation: Die Rute

Ähnlich verhält es sich mit dem berüchtigten „Rute wedeln“. „Der wedelt mit der Rute, also ist der Hund lieb und freut sich“, ist immer noch eine häufig anzutreffende Aussage. Dabei ist es so, dass ein Rutenwedeln lediglich Erregung signalisiert. Ob diese Erregung sozio-positiver oder sozio-negativer Natur ist, kann man nur sehen, wenn man die gleichzeitig gezeigte Körpersprache beachtet. 

Auch ein aggressiver Hund wedelt unter Umständen mit dem Schwanz!

Eine Rute kann bei Erregung allerdings auch anders gehalten werden. So gibt es Hunderassen, die die Rute generell eingezogen tragen und dies bei Anspannung auch tun. 

Wer Border Collies bei ihrer Arbeit an den Schafen erlebt, sieht nicht nur einen schleichenden Gang und einen fixierenden Blick. Auffällig ist, dass die Rute bei der Arbeit eingeklemmt wird. Eine eingeklemmte Rute ist für viele Hundehalter das Signal, dass der Hund ängstlich ist. Allerdings gibt es selektionsbedingte Änderungen des Aussehens der Hunde. Bei einem Border Collie bedeutet eine eingezogene Rute nicht zwangsläufig, dass der Hund Angst hat. Die Rute wird auch bei starker Anspannung, wie zum Beispiel bei der Jagd (das Hüteverhalten der Border Collies ist ein züchterisch beeinflusstes Jagdverhalten) eingezogen. Auch hier muss der Kontext und der Rest der Körpersprache beachtet werden, um eine Situation richtig deuten zu können.

 

Missverständnisse zwischen Hunden

Dies führt nicht nur zu Missverständnissen bei Menschen. Auch Hunde können davon betroffen sein, vor allem wenn sie in ihrer Jugendzeit bestimmte Hundetypen nicht kennengelernt haben und nicht wissen, dass manche Hunde zwar so aussehen, aber es deswegen nicht so meinen.

Ein Beispiel hierfür sind Hunde, die eine steile Hinterhand oft verbunden mit einer aufgestellten Rute angezüchtet bekommen haben, wie es beispielsweise bei Huskys oder Chow Chows der Fall ist. Durchgedrückte Beine mit einem entsprechenden Gangbild und einer aufgestellten Rute sehen nicht nur imponierend für Menschen aus. Auch Hunde imponieren derart untereinander. 

Imponierverhalten gehört zum agonistischen Verhalten – also einem Verhaltensbereich, der mit Konkurrenz und Rivalität zu tun hat. Imponierverhalten ist genaugenommen ein „ungerichtetes Drohen“, im menschlichen Bereich vergleichbar mit jemandem, der mit permanent ausgestrecktem Mittelfinger durch die Gegend läuft. Davon kann man sich angegriffen fühlen – vor allem, wenn man nicht weiß, dass manche Menschen dies tun, weil sie nicht anders können und man selber der Typ ist, der so etwas schnell persönlich nimmt. Das ist bei Hunden nicht anders. Ob der schleichende Gang mit fixierendem Blick beim Border Collie, der imponierende Gang eines Chow Chows oder die gerümpfte Nase beim Boxer – all dies kann zu Missverständnissen unter Hunden führen. 

Dass es selektiv bedingte Unterschiede zwischen Hunderassen gibt, können Hunde nicht wissen. Das müssen sie lernen. Im Idealfall hat ein Welpe positiven Kontakt zu allerlei verschiedenen Hunden, sodass er versteht, dass es Hunde gibt, die anders aussehen und deren Ausdrucksverhalten teilweise anders ist, als das, was er von seinen Wurfgeschwistern und den Elterntieren kennt.

 

Kommunikation und Selektion

Zuchtbedingte Veränderungen des Aussehens haben nicht nur Auswirkungen auf Fremdhunde. Sie haben oftmals auch Auswirkungen auf den betroffenen Hund selbst. Hunde kommunizieren körpersprachlich sehr fein. Als ungeübter Beobachter passiert es schnell, dass diese feine Kommunikation übersehen wird. Dabei reicht oft ein Blick, verbunden mit entsprechender Mimik und einer Verlagerung des Körpergewichts und die anderen Hunde wissen „was Sache ist“. Was passiert jedoch mit den Hunden, denen wir die Möglichkeit dieser Kommunikation aufgrund optischer Vorlieben nehmen?

 

Folgen durch Extremzüchtungen:  Langhaarige Hunde

Ein Hund mit extrem langem Fell und „Gardine“ vor den Augen macht die Erfahrung, dass weder andere Hunde, noch Menschen auf feine Kommunikation reagieren. Kein Fell kann gesträubt werden, Muskelanspannung und die Stellung der einzelnen Gliedmaßen verschwinden unter dem langen Gewand. 

Wichtige Informationen über die Mimik können nicht gesendet werden. 

Ob die Stirn glatt ist, wie weit die Augen geöffnet sind, wo sich die Maulspalte befindet – selbst die Blickrichtung ist nicht zu erfassen.

Der Hund, der die Lernerfahrung macht, dass seine Gesprächspartner konsequent seine Kommunikation übergehen, wird die feinen Signale zunehmend weglassen. 

Dies ist besonders relevant, wenn es um Kommunikation geht, die den Abstand zum Gegenüber vergrößern soll.  Während bei anderen Hunden ein kurzes Versteifen des Körpers, ein gerichteter Blick mit entsprechender Mimik und eine kurze Hinwendung zum Gegenüber reichen, um diesem zu signalisieren, dass er nicht näher kommen soll, muss ein Hund mit übermäßig langem Fell sehr viel mehr zeigen und im Zweifel sehr früh in die Aktion gehen. Ein Resultat aus diesen Kommunikationsproblemen können somit Aggressionen sein, die bereits bei kleinen Anlässen gezeigt werden. Ist dies bei einem solchen Hund der Fall, sollte man über eine Kürzung des Fells nachdenken. Mindestens sollte der Blick frei gemacht und das Fell vor den Augen hoch gesteckt werden.

 

Folgen durch Extremzüchtungen: Bulldoggen

Schwierig wird es bei Hunden, denen man nicht derart helfen kann. Hunde werden schon lange für die Zwecke des Menschen selektiert, was eine große Bandbreite von Größe, Fell, Körper- und Kopfform zur Folge hatte. Besonders deutlich wird diese Selektion bei den Bulldog-Typen mit gravierenden Auswirkungen auf  das Sozialverhalten. 

Oft wird berechtigterweise auf die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen von Überzüchtung durch Übertypisierung einzelner Merkmale hingewiesen. Die Folgen für den Hund im Sozialverhalten sind jedoch nicht weniger gravierend und betreffen selbst „frei atmende“ Exemplare solcher Extremzüchtungen. 

Die platte Schnauze führt dazu, dass der Nasenrücken immer gekräuselt ist und die Maulspalte immer hinten liegt. Die großen Augen verbunden mit einem hängenden Augenlid lassen keinerlei Veränderung dieser Partie mehr zu. Die Ohren sind kaum beweglich. Die Stirn lässt sich somit kaum bewegen. Der Nacken ist steif und unbeweglich. Nach außen gestellte, durchgedrückte Beine verbunden mit extremen Winkelungen führen zu einer Unbeweglichkeit dieser Gliedmaßen. Selbst die Wirbelsäule ist nicht mehr frei beweglich. Die Rute ist, wenn überhaupt vorhanden, nur ein kleiner Korkenzieher, der sich kaum bewegen lässt. 

Diese Hunde können sich weder mimisch, noch körpersprachlich fein ausdrücken. Was bleibt den Hunden dann noch, wenn sie kaum Möglichkeiten zur Kommunikation haben? Oft bleiben bei den Extremzüchtungen lediglich die Blickrichtung und der Körperschwerpunkt, die man noch beobachten kann. 

Überzüchtungen haben schwerwiegende Folgen, die sich nicht nur auf die Gesundheit, sondern langfristig auch auf die Psyche und das Sozialverhalten auswirken. 

Schwer vorstellbar, dass dies immer noch viele Menschen „total niedlich“ finden.

  

Fehler vermeiden: Wertfreie Beobachtung

Vorausgegangene Erfahrungen, Vorurteile und Einstellungen führen dazu, dass man nicht mehr objektiv beobachten kann. All dies lässt sich nicht abschütteln, jedoch sollte man sich dessen bewusst sein. Nur weil man schon viele Labradore erlebt hat, die andere Hunde ohne Rücksicht auf Verluste nieder walzen, tun dies nicht alle Labradore. Wer sich über seine eigenen Werte, seine Vorerfahrungen und seinen Einstellungen bewusst ist, kann diese bei der Beobachtung entsprechend berücksichtigen und hinten anstellen.

Fehler vermeiden: Beobachtung vor der Interpretation

Bevor ein Verhalten interpretiert werden kann, muss es beobachtet werden. Ein „der hat Angst“ und ein „der mag das nicht“ ist schnell gesagt, aber es ist bereits eine Interpretation. Woran mache ich es in der Situation fest, dass dies so ist? Was zeigt der Hund an einzelnen Signalen und was führt zu meinem Gesamteindruck?

Fehler vermeiden: Schulung der Beobachtung

Um einzelne Signale richtig deuten zu können, ist es notwendig zu wissen, was diese im Zusammenspiel mit den anderen Signalen bedeuten. Hierfür ist es nicht nur wichtig, das theoretische Wissen zu haben. Es ist auch wichtig, dies in der Praxis zu üben. Da die Kommunikation zwischen Hunden sehr schnell abläuft und oft sehr kleine, feine Signale gezeigt werden, ist es hilfreich, sich technischer Helfer zu bedienen. Viele Smartphones haben bereits die Möglichkeit von Slow Motion-Aufnahmen. Aber auch Fotos und einfache kurze Videos können zu Übungszwecken genommen werden. 

Fehler vermeiden: Kontext beachten

Auch wenn einzelne Signale gezeigt werden, wie zum Beispiel ein Züngeln, muss dies nicht zwangsläufig eine Beschwichtigungsgeste sein. Dies trifft auf allerlei Signale zu, die fest mit bestimmten Assoziationen verknüpft sind. Diese Signale müssen immer im gezeigten Kontext beobachtet und daraus ausgehend gedeutet werden. Ein gähnender Hund muss nicht zwangsläufig Stress haben – er kann auch nur müde sein, was man an der weiteren gezeigten Körpersprache und Mimik erkennen kann.

 

Fazit

Das Ausdrucksverhalten unserer Hunde ist faszinierend. Faszinierend in der Feinheit und wunderbar zu beobachten, wie unsere Hunde ganz ohne Worte viel sagen. Es ist sinnvoll, sich mit den Fallstricken der Beobachtung auseinanderzusetzen, denn sonst können wir unsere Hunde schlicht nicht verstehen. Aber auch unsere Hunde können sich untereinander irgendwann nicht mehr verstehen, wenn wir ihnen die Erfahrungen mit anderen Hunden vorenthalten oder ihnen gar die Möglichkeit zur Kommunikation abzüchten. 

 

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