Formal oder sozial?

Lernen hat viele Formen, warum eine Unterscheidung sinnvoll ist.

 

Was ist eigentlich ein gut erzogener Hund? Diese Frage stelle ich gerne Kunden im Hundetraining und möchte auch die Leserinnen und Leser dazu einladen, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um darüber nachzudenken. 

Ist ein gut erzogener Hund, einer der „gut gehorcht“, sprich, auf „Sitz, Platz, Hier“ immer sofort und richtig reagiert? Ist es ein Hund, der das Schema einer Begleithundeprüfung perfekt laufen kann? Ist dieser perfekte BH-Hund auch dann noch gut erzogen, wenn er abseits des Hundeplatzes wie besessen an der Leine zieht und sich auf Artgenossen stürzt?

  

... Hundeplatz vs. Alltag ...

Ein Hund, der auf einem Hundeplatz gut gehorcht, kann im Alltag problematisches Verhalten zeigen. Das sind oft Erziehungsdefizite, die nicht nur mit ortsgebundenem Lernen erklärt werden können. Immerhin kann der Halter seinen Hund anscheinend durchaus ausbilden. Warum klappt diese Form der Ausbildung dann nicht mehr im Alltag? Ich plädiere für eine Trennung zwischen diesen Bereichen. Oft sind Misserfolge im Training und der Erziehung schlicht darin begründet, dass diese Trennung nicht berücksichtigt wird. Es gibt durchaus Versuche durch Hundetrainer, das Hundetraining, das auf dem Hundeplatz stattfindet, von der Hundeerziehung im Alltag zu trennen. 

So wird von manchen Hundetrainern zwischen „Dressur“ (dem Erlernen von Kommandos) und „Erziehung“ (der Einhaltung von Regeln) unterschieden. Andere Hundetrainer unterscheiden „Konditionierung“ (konditionierte Signale wie Kommandos) und „Kommunikation“ (das, was man dem Hund im Sozialen beibringt). Hierüber wird immer wieder gestritten. 

Konditionierungsprozesse sind immer beteiligt, wenn man erzieherisch auf einen Hund einwirkt. 

Und auch gegen die Unterscheidung zwischen Dressur und Erziehung sträuben sich viele. Ein guter Rückruf ist sicherlich ein wichtiger Bestandteil der Grunderziehung des Hundes – ist es nun eine Form der Dressur oder eine Form der Erziehung? Ich empfinde diese Versuche als unbefriedigend, da eine klare Trennung dieser Begriffe in der Erziehung oft gar nicht möglich ist. An dieser Stelle hilft ein Blick über den Tellerrand.

 

... Die Begrifflichkeiten ...

Schauen wir in die Welt der Pädagogik, fällt schnell auf, dass es dort einige theoretische Unterscheidungen gibt. Beispielsweise wird zwischen Bildung und Erziehung unterschieden. Ein Kind, das sehr gut in der Schule ist, aber andere Kinder schlägt, erpresst und bestiehlt, würden wir nicht als „gut erzogen“ betiteln. So manch Erwachsener mit hohem Bildungsabschluss vergisst seine gute Erziehung, wenn es um die Gewinnmaximierung seines Unternehmens oder die persönliche Bereicherung geht. 

Auch werden Lernformen hinsichtlich ihrer Inhalte und Ziele unterschieden. Zielgerichtetes Lernen, das didaktisch strukturiert ist und zu einem staatlich anerkannten Abschluss führt, nennt man formales Lernen. Dies wird getrennt von dem, was oft „nebenbei“ gelernt und gelehrt wird. Dieses sogenannte informelle Lernen muss nicht zielgerichtet oder strukturiert sein und spielt besonders für Werte und Normen eine Rolle, die in der Familie vermittelt werden. Eltern halten den Kindern keine Vorträge über bestimmte Werte, sondern vermitteln sie nebenbei, durch ihren Umgang mit anderen Menschen und Dingen, durch Kommunikation, ihre Vorbildfunktion und dem Setzen von Grenzen.

Eine solche Trennung von Begrifflichkeiten ist auch im Hundetraining sinnvoll. Ein Bild, was man immer wieder sieht sind Hundehalter, die versuchen, Verhaltensprobleme (bzw. Verhaltensweisen, die als problematisch empfunden werden) mit Kommandos zu lösen. Der leinenaggressive Hund soll beim Anblick anderer Hunde „Sitz“ machen. Der an der Leine ziehende Hund soll mithilfe von „Fuß“ nicht mehr ziehen. Der jagende Hund soll mit dem Super-Rückruf abgerufen werden. All diese Unterfangen sind nicht selten von Misserfolg gekrönt. 

Während Frauchen verzweifelt mit dem Leckerchen vor der Nase des Hundes wedelt, hat dieser seinen Erzfeind bereits fest im Blick und baut sich auf, um gleich loszuspringen. Der ziehende Hund schafft es ein bis zwei Meter ordentlich im „Fuß“ zu laufen, verliert aber schnell diese Orientierung und prescht nach vorne. Und der jagende Hund, der immer auf Hochspannung ist und permanent die Umgebung nach Jagdbarem abscannt, ist auch beim tollsten Rückruf weg, wenn er einen Hasen erspäht hat. Kommandos können zwar im Alltag helfen, aber sie können alleine keine Erziehung sein.

 

... Das Formale Lernen ...

Analog zu dem Kind, das Lesen und Schreiben in einem langsamen Aufbau lernt (Erfassen von Buchstabenklängen, Nachzeichen der Buchstaben, Silbenerkennung usw.) mit einem fest definierten Ziel, lernt auch ein Hund Kommandos. Zuerst wird der Bewegungsablauf geübt, indem der Hund durch entsprechende Hilfen dazu gebracht wird, die gewünschte Position einzunehmen. Dann wird dieses Verhalten mit dem Kommando verknüpft und die Hilfen schrittweise abgebaut. Schließlich steigen die Dauer bzw. Distanz der Kommandoausführung und der Grad der Ablenkung, unter der der Hund das Kommando ausführen muss. Im Hundesport steht eine Prüfungsordnung dahinter, die besagt wie die Ausführung der Kommandos auszusehen hat. Es handelt sich also um ein zielgerichtetes Lernen, das entsprechend strukturiert ist. Kommandos sind somit ein formaler Lerninhalt.

 

... Das Soziale Lernen ...

Ähnlich wie Kinder, die in ihrer Familie Werte lernen, lernen auch Hunde entsprechende Werte im Zusammenleben mit ihren Menschen. Anders als Menschen ist einem Hund natürlich nicht klar, warum er gewisse Dinge zu unterlassen hat. Trotzdem kann er lernen, dass es Grenzen für ihn gibt. Diese Grenzen müssen nicht nachteilig für ihn und die Beziehung zum Besitzer sein. Im Gegenteil sind es Grenzen, die eine Beziehung strukturieren. Das Beachten von Tabus im Zusammenleben mit dem Menschen ist ein sozialer Lerninhalt, genauso wie das Vertrauen, das Genießen von Nähe und der freiwillige Anschluss des Hundes an seinen Besitzer. 

Wenn es also darum geht, dass der Hund sich im sozialen Bereich problematisch verhält, kann die Antwort nicht sein, ihm eine formale Aufgabe zu geben. Ein Jugendlicher, der sich gerne prügelt, bekommt schließlich auch keine Matheaufgabe vorgelegt, wenn er andere Jugendliche sieht. 

Im Hundetraining ist es wichtig, im Thema zu bleiben. Das Thema des Leinenpöblers ist nicht „Sitz“, sondern „friss nicht den entgegen kommenden Artgenossen“. Oder anders gesagt: Ein Erziehungsdefizit im sozialen Bereich kann nicht mit einem formalen Inhalt gelöst werden. 

Eventuell lernt der Hund sogar ein erfolgreiches „Sitz“ bei Hundebegegnungen, aber er lernt dadurch nicht, dass er andere Artgenossen nicht anpöbeln soll. Hört er kein Kommando, wird er im Zweifel immer noch bellend in der Leine hängen. 

Im Training ist es entsprechend nicht sinnvoll, einen perfekten Trainingsplan für ein „Sitz“ zu erstellen. Stattdessen muss man die soziale Ebene genauer in den Blick nehmen. Ist der Hundehalter vielleicht selbst ängstlich und verkrampft in der Hundebegegnung? Zeigt er durch unbewusste Körpersprache, dass der Hund sich nun um den Artgenossen kümmern soll? Kann der Hundehalter dem Hund überhaupt eine Grenze setzen? Und wie sieht der Alltag mit dem Hund aus? Wird ihm womöglich beiläufig vermittelt, dass er tun und lassen kann, was er will? Wer immer entscheiden darf, wird sich eben dann auch für den eigenen Weg entscheiden, wenn es um etwas geht, was ihm wirklich wichtig ist. 

 

... Die Basisfähigkeiten ...

Sowohl formales, als auch soziales Lernen hat einen Einfluss auf das, was ich „Basisfähigkeiten“ nenne. Dazu gehören beispielsweise das Aushalten von Frust, die Impulskontrolle, die Selbstregulation, die Konzentrationsfähigkeit, die Fähigkeit des „sich zurück Nehmens“ und des Ruhens. Diese Fähigkeiten haben andersrum genauso einen Einfluss auf den formalen und den sozialen Lernbereich.

Der Leinenpöbler aus dem vorher genannten Beispiel, der schon beim Fertigmachen für das Gassi aufgeregt um seine Halter herumspringt und dann natürlich direkt aus der Tür stürmen darf, hat nicht gelernt, sich auch mal zurückzunehmen. Er hat nicht gelernt, zu warten. Er hat nicht gelernt, seine Impulse zu kontrollieren, sich selbst zu beherrschen und den Frust zu ertragen. Wie soll er ausgerechnet in einer hoch emotionalen Situation wie dem Passieren eines Artgenossen, dies auf einmal können?

Im Hundetraining und der Hundeerziehung ist eine Förderung dieser Fähigkeiten grundlegend. Dies kann auch über formale Inhalte geschehen. Beispielsweise fördert die simple Übung des Futtersuchens nach Blickkontakt zum Halter gleich verschiedene Fähigkeiten: Das Warten bis das Futter ausgelegt ist, fördert die Impulskontrolle und die Frustrationstoleranz. Das „Nachfragen“ beim Besitzer fördert die Kooperationsfähigkeit trotz Ablenkung und das Suchen des Futters mit der Nase schließlich Hartnäckigkeit und Konzentration.

 

... Fazit ...

Die theoretische Trennung von formalem Lernbereich, sozialem Lernbereich und dem Bereich der Basisfähigkeiten ist im Hundetraining sehr sinnvoll und sind auch für den Hundesport relevant. Der Hund, der im „Fuß“ permanent in die Hände des Besitzers hackt, muss kein besseres „Fuß“ lernen, sondern, dass der Körper des Menschen auch in der Aufregung tabu ist. Dies hat auch etwas mit Respekt zu tun – also einem sozialen Bereich. Wenn es auf dem Hundeplatz nicht klappt, lohnt sich ein Blick in den Alltag. Es gibt sicher noch mehr Situationen, in denen der Hund sich derart respektlos und distanzlos verhält. Wenn der Hund dort verstanden hat, dass gewisse soziale Regeln gelten, kann es auch auf dem Platz wieder funktionieren. Ein Hund, der permanent aus der Ablage aufsteht, hat womöglich nie gelernt, dass er auch mal eine Zeit lang seine vier Beine am Boden halten muss und eben nicht permanent „Action“ angesagt ist. 

Im Hundetraining gilt es entsprechend genau hinzuschauen, in welchem Bereich es hapert. Darauf abgestimmte Übungen und ein veränderter Alltag sind oft der Schlüssel für eine erfolgreiche Verhaltensänderung und gehen weit über die Wahl der richtigen Motivationsmittel oder der perfekt ausgeführten Technik hinaus. Bei der Leinenführigkeit mag die Technik „stehen bleiben, wenn die Leine straff ist“ in der Theorie gut funktionieren. Aber wenn der Hund von Außenreizen völlig überfordert ist und er seinen Halter nicht als Hilfe sieht, diese Reize entsprechend einzuordnen, kann er gar nicht dadurch leinenführig werden, dass es nicht weitergeht, wenn er zieht. Mit dieser Technik wird er im Gegenteil alleine gelassen. Für diesen Hund stehen die Förderung von Basisfähigkeiten, wie das Aushalten von Reizen und die Unterstützung im sozialen Bereich (Hundehalter wird als Hilfe gesehen), noch vor dem Erlernen des formalen Inhalts der Leinenführigkeit.

Die Beachtung des formalen Lernbereichs, des sozialen Lernbereichs und des Lernbereichs der Basisfähigkeiten kann somit im Hundetraining den entscheidenden Erfolg bringen. Die Ansätze können je nachdem, wo die Schwierigkeiten liegen, äußerst unterschiedlich sein. Oft ist es ein individuelles Gesamtpaket an Maßnahmen, das den erwünschten Erfolg bringt.

 

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